Ich brauche Hilfe

Das Kontaktformular öffnet sich, wenn du auf Drizhul klickst.

Ich brauche Hilfe

Das Kontaktformular öffnet sich, wenn du auf Drizhul klickst.

Klirrend zersprang die Scheibe und unzählige Splitter verstreuten sich auf dem Steinboden. Wind
böen wehten gelb-rote Blätter durch das zersprungene Fenster und zugleich hallte ansteigendes, dumpfes Grollen von den Wänden wider. Iasanara verharrte in der Bewegung und sah über ihre Schulter. Statt der Sonnenstrahlen, die kurz zuvor den Raum durchflutet hatten, breitete sich Düsternis im Inneren des Turms aus.
Die Weltenerbauerin schluckte schwer, den dampfen den Becher in der Hand hatte sie vergessen.
Ein Knall und das gleißend goldene Licht hinter den bodentiefen Fenstern lösten Iasanaras Erstarrung. Der Henkel entglitt ihren Fingern und der Becher schlug auf dem Boden auf. Heißer Kräutersud spritzte auf die Robe und auf ihre Füße, sofort färbte sich die blasse Haut rötlich. Den brennenden Schmerz nahm Iasanara nicht wahr. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, zugleich weiteten sich ihre Augen, und ihr leiser Aufschrei vermischte sich mit dem Rauschen des Windes.
Iasanara blickte zu der Bodenöffnung, die zu den geheimen Räumen unter dem Turm führte. Kurz überlegte sie, ob es besser wäre, wenn Liastea ihren Gebieter begrüßen würde und nicht sie. Doch das ohrenbetäubende Knistern der Luft und die Gestalt, die sich aus dem Licht bildete, offenbarten der Weltenerbauerin, dass es ihr nicht gelingen würde, rechtzeitig mit ihrer Schwester zurück zu sein. Iasanara schloss ihre kieselgrauen Augen und atmete den Kräuterduft des verschütteten Tranks tief ein. Zögernd ging sie auf die Tür zu und begann eine Melodie zu summen.
Obwohl sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen und die Angst zu unterdrücken, zitterten ihre Finger, als sie den Knauf drehte. Noch im Türrahmen stehend blickte sie zum Himmel hinauf. Unbewusst zog sie den Überwurf fester um ihren schlanken Körper. Die feingliedrigen Schieferplättchen auf der Robe schabten gegeneinander, als der Wind hindurchstrich. Umherwirbelnde Blätter verfingen sich in ihrem silbernen Haar. Iasanaras Mundwinkel zuckten, und bevor der Gebieter seine Lichtform ablegte, erschien ein schwermütiges Lächeln. Sich daran erinnernd, dass Weltenerbauer über die Macht verfügten, Planeten zu erschaffen, was nicht einmal dem Schicksalsweber möglich war, gelang
es ihr, sich ihm ohne die geringste Spur von Eile zu nähern.
»Gebieter.« Mit gesenktem Blick verneigte sie sich und berührte den dargebotenen Handrücken mit ihren Lippen.
»Die Zeit ist an dir spurlos vorübergegangen, seit wir uns das letzte Mal sahen.«
»Auf dieser Welt waren es Hunderte Winterkreis läufe, aber auf meinem Heimatplaneten Vilor würde nicht einmal einer vergangen sein«, erinnerte Iasanara den Schicksalsweber. Wärme stieg ihr in die Wangen und ein Kribbeln lief durch den Körper. Unsicher lächelnd erhob sie sich. »Seid Ihr bei meinen Brüdern gewesen?«
Er nickte. »Im Gegensatz zu dir haben sie bereits ihre Aufgaben ausgeführt.« Für einen Wimpernschlag huschte ein vorwurfsvoller Ausdruck über sein Gesicht und ein Grummeln floss aus dem Mund.
»Es ist mir nahezu gelungen, die Welt nach Euren Wünschen zu formen«, murmelte Iasanara. Ihr Herz
pochte deutlich gegen den Brustkorb. Unbewusst wischte sie mit der schweißnassen Handfläche über die Robe, kaum sichtbare Flecken blieben auf den Steinplättchen zurück.
»Hast du alle Völker erschaffen?«
Iasanara trat von einem Bein aufs andere. Obwohl sie nur eine Armlänge von dem Schicksalsweber entfernt stand, verschwamm seine Kontur. Sie bewegte ihren Kopf verneinend und atmete mit gesenktem Blick tief ein.
»Wie kann es sein, dass es deinen Brüdern gelungen ist, die jeweiligen Planeten für Dämonen, Drachen und Menschen zu erbauen, und du dich noch immer mit der Erschaffung der einen Welt auseinandersetzt?«
»Als meine Geschwister und ich uns das letzte Mal trafen, kam es zu einer Meinungsverschiedenheit.«
»Wovon sprichst du?«
Sich räuspernd trat Iasanara zurück. »Liastea über zeugte mich, die Geschöpfe anstatt auf ihrer Welt, auf meiner leben zu lassen.«
»Du wagst es, über meinen Kopf hinweg zu entscheiden!«, sprach er mit donnernder Stimme.
Wimmernd stürzte die Weltenerbauerin auf die Knie und verneigte sich, bis die Stirn das Gras berührte. Ihr Herz raste und das Blut rauschte in den Ohren. Ehr furchtsvoll streiften ihre zitternden Lippen die Zehenspitzen des Gebieters.
»Ist Liastea im Turm?«
Iasanara drehte das Gesicht zur offenen Tür und nickte zögerlich. Seine Hände umgriffen ihre Oberarme, brannten sich förmlich in ihre Haut. Sie stöhnte auf und biss die Zähne fest zusammen. Ohne darauf zu achten, zog er die Weltenerbauerin mühelos auf die Füße. Sein schwerer Atem
kam stoßweise aus dem geöffneten Mund und berührte ihre Wange. Die Fingernägel des Schicksalswebers bohrten sich in Iasanaras Schulter, während er neben ihr ins Innere des Turmes ging.

Iasanara trat von der Wand zurück und sah zu den drei Fenstern hoch, die den Seelenverbundenen das Geheimnis des Turms offenbaren würden.
»Tuia.« Schleifende Laute füllten den Raum aus, als sich der Steinboden über die nach unten führende Treppe schob. Stille setzte ein und die Öffnung war verschwunden. Ein Lächeln umspielte ihre zartroten Lippen, während sie den Boden auf Risse oder Farbunterschiede absuchte, die womöglich den Zugang verraten würden.
In dem Moment, in dem sie ihre Augen erneut auf die Glasscheiben richtete, brachen die ersten Sonnenstrahlen hindurch. Auf der nördlichen Wand erschien eine Waldlichtung in einer Mondwanderung. Verschiedene Sternenbilder funkelten auf dem dunkelblauen Firmament.
»Edra.« Iasanara legte ihre Hand auf den strahlendsten Stern im Zeichen des Kriegers, damit sich der Steinboden durch das Wort der Magie auftat, falls ein Seelen verbundener diesen berührte.
Sie wischte mit der Hand über das Firmament und flüsterte: »Delia.« Die Sterne verschwanden und nur das Bildnis der Lichtung blieb bestehen. Dadurch wollte die Weltenerbauerin sichergehen, dass die Sternenzeichen erst erschienen, wenn ein Seelengefährte davorstand.
Iasanara drehte sich ein letztes Mal im Kreis, bevor sie den Umhang über ihre Schultern legte und durch die Tür schritt. Noch war der Turm leer, aber nach der Rückkehr mit dem Magier würde der Raum nicht wiederzuerkennen sein.

Mit in den Nacken gelegtem Kopf genoss Iasanara die Sonne und den Windhauch, der durch ihr Haar fuhr. Wie Flaumfedern liebkosten die Sonnenstrahlen ihre Wangen und verliehen der Haut ein glimmerndes Aussehen. Eilige, knirschende Schritte näherten sich. Obwohl sie weiterhin die Augen geschlossen hielt, verbeugte sich Karth vor ihr. »Weltenerbauerin, du bist zurück.«
Stumm seufzend wandte sie ihm das Gesicht zu. »Großmeister, es ist schön, wieder auf Vilor zu sein.«
»Wir sollten einen Spaziergang machen«, schlug Karth vor und reichte ihr den Arm.
»Wie viel Zeit ist seit unserer letzten Unterredung vergangen?«
Der Großmeister blickte zur Sonne und murmelnde Laute strömten aus seiner Kehle. »Kurz danach nahmen wir neue Novizen auf«, überlegte er. »Das war vor nicht einmal einem Winterkreislauf.«
Schwer ausatmend verlangsamte die Weltenerbauerin ihre Schritte. Ihre Augen weiteten sich, als sie die Zeit auf Iasanara abschätzte. »Unglaublich, auf der erschaffenen Welt sind fünfhundert vergangen.«
»Wie ist sie geworden?« Karth rieb sich aufgeregt die Hände. »Ich würde so gerne eine deiner Schöpfungen sehen.«
»Es kam zu einer Unstimmigkeit mit dem Schicksalsweber«, räumte Iasanara beschämt ein.
»Suchst du mich aus diesem Grund auf?«
Die Weltenerbauerin zuckte schuldbewusst zusammen. »Lass uns hier die Sonne genießen«, sagte Iasanara und nahm auf einer steinernen Sitzbank Platz.
Nicht weit von ihnen entfernt erblickte sie einige Novizen, die sich um einen Apfelbaum versammelt hatten. Grölen, Flüche und anspornende Rufe gellten zu ihr herüber. Sie beugte sich nach vorn und begann mit dem Daumen den Nagel des kleinen Fingers zu schnippen.
Karth strich ihre Haare, die das Gesicht verbargen, auf den Rücken und beobachtete das Zucken von
Iasanaras leicht rötlichen Wangen. »Wir können den Novizen stumm bei ihrer Mutprobe zusehen oder du erzählst mir, was vorgefallen ist.«
»Liastea erschuf einen Seelenbaum.«
»Das ist nicht wahr!«
Nickend fuhr Iasanara fort: »Deswegen überredete sie unsere Brüder und mich, dass ihre Geschöpfe auf meiner Welt leben sollten.« Ausgelassenes Lachen unterbrach die Weltenerbauerin und sie sah neugierig zu den Novizen hinüber. Eine dürre Gestalt hing mit ausgestreckten Armen am untersten Ast und zog sich gerade hoch. Kopfschüttelnd sprach sie weiter: »Der Schicksalsweber erzürnte dermaßen über diese Entscheidung, dass er eine Prophezeiung für die unschuldigen Geschöpfe aus
sprach. Uns wurde erlaubt, Schriften zu hinterlassen.«
»Lass mich raten«, unterbrach Karth. »Du bist gekommen, um die Verpflichtung, über dein Wissen zu
wachen, in die Obhut eines Magiers zu legen.«
»Dieser Gedanke kam mir tatsächlich«, gestand sie.
Karths Augen blitzten auf, nachdenklich sah er zu den Novizen hinüber.

»Naur Dram.« Rauschen erfüllte die Luft, kurz darauf zerriss ein Knall die Stille. Noch bevor Ellari
ana den Arm gesenkt hatte, standen die aufgetürmten Holzscheite lichterloh in Flammen. Funken stoben aus dem Feuer, die vom Wind verweht wurden. Sie blickte über die Schulter.
Die ältesten Magieweber saßen auf einem Podium und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Ihr Meister neigte den Kopf zur Seite, seine Lippen formten ein schmales Lächeln. Wie vereinbart schloss er einmal die Augen und erlaubte ihr dadurch, weitere Magie zu weben.
»Nen.« Aus dem Nichts erschien über dem Feuer ein Wasserstrahl, der erst versiegte, als die letzte Lohe erloschen war. Dunkler Rauch stieg von der Feuerstelle auf. Zufrieden, dass sie die benötigte Magie hatte beschwören können, stellte sich Ellariana mit dem Gesicht zum Podest.
Schwerfällig erhob sich die älteste Magieweberin von Senasir, dabei stützte sie die Hände auf die Armlehnen. Weißes Licht umgab die knochigen Finger. Die Luft knisterte und das Holz knirschte.
»Ersterkorene Kalia, auf dass Eure Magie über Senasir wacht«, sprach Ellariana die formelle Ehrenbezeigung unter Magiern aus. Gleich darauf wich sie zurück und strich die Falten der hellgrauen Robe glatt. Ihr Herzschlag beschleunigte und der Mund fühlte sich plötzlich unangenehm trocken an.
»Anwärterin Ellariana!« Kalia blieb an der Kante der obersten Stufe stehen. »Ihr seid von einer gelben Aura umrankt, die so hell ist wie die Sonne. Nur ein einziges Mal berichteten die Aufzeichnungen von einer Elbin, die diese Nuance ausstrahlte.« Sie klopfte mit dem Stab auf den Boden.
Die Erde begann zu vibrieren und ein dünner Riss entstand vor Ellarianas Füßen. Erstaunt betrachtete sie den unscheinbaren Trieb, der aus der Öffnung emporwuchs.
»Ihr habt uns gezeigt, dass Ihr zerstörerische Magie beherrscht«, sagte Kalia, »aber könnt Ihr auch diesen Setzling beim Wachsen unterstützen?«
Ellariana sah ihrem Meister in die Augen. Ihre Mundwinkel sackten schlaff nach unten, während sie ihn stumm um Hilfe bat. Doch anstatt die Ältesten darauf hinzuweisen, dass ihr die Magie des Entfaltens nie offenbart worden war, zuckte sein Kinn anweisend.
»Euer Zögern zeigt mir, dass Ihr kein Vertrauen in Eure Fähigkeiten habt«, fuhr Kalia fort. Ihre Enttäuschung, die deutlich im Stimmton mitschwang, drang wie eine Schwertspitze in Ellarianas Magen ein.
»Ersterkorene, ich lernte die letzten dreißig Winterkreisläufe, die Magie für Kampfgeschehen zu formen.«
»Wenn das so ist, könnt Ihr jetzt gehen.« Mit einer verachtenden Handbewegung deutete Kalia zur Felswand. An der nördlichen Seite klaffte eine dunkle Öffnung im hellen Gestein. Kopfschüttelnd wandte sie sich ab und schlurfte zum Platz zurück.
Ellariana senkte den Blick. Der Boden verschwamm vor den Augen, weswegen sie die Hände zu Fäusten formte. Um den Schmerz in der Brust zu überlisten, kratzte sie mit den Fingernägeln fest über ihre Handinnenflächen, dabei atmete sie schwer ein und aus. Nach mehrmaligem Blinzeln schärfte sich die Sicht, ohne dass eine verräterische Träne die regungslosen Wangen hinuntergekullert war.
Der Setzling neigte sich nach vorne. Hellgrüne Blätter färbten sich bräunlich und die Ränder rollten sich nach innen – der Verfall setzte bereits ein. Der kümmerliche Anblick tat Ellariana in der Seele weh und ihr eigenes Leid, durch Kalias harsche Worte entfacht, rückte in den Hintergrund.
Als sie sich niederkniete und behutsam mit dem Zeigefinger über die verwelkte Spitze strich, knisterte die Robe. Die Fingerkuppe begann zu kribbeln und ein gelber Schimmer löste sich vom Finger. Er verteilte sich vom Stängel bis zu den dünnen Astspitzen und ein sachtes Rascheln erklang. Die vergilbten Blätter öffneten sich und das frische Grün kam zurück – dunkler als zuvor.
Die Zweige knackten, streckten sich dem wolkenlosen Himmel entgegen, gleichzeitig wuchs das Pflänzchen und der fingerdicke Stamm nahm an Umfang zu. Die Magie verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Ellariana setzte sich auf die Fersen und starrte auf das Bäumchen, das nun eine Handlänge hoch war. Ihr rechter Arm fühlte sich taub an, nur langsam kam die Kraft mit pochenden Schmerzen wieder. Stöhnend neigte sie den Kopf nach vorne, sodass die silbernen Haare ihr Gesicht verdeckten. Sie presste die Lippen fest aufeinander, um den darauffolgenden Seufzer vor den
Ohren ihres Meisters zu verbergen.
Das Getuschel der Ältesten vermischte sich mit dem Säuseln des Windes. Doch plötzlich übertönte ein klares Lachen unmittelbar vor ihr alle Geräusche. Ellarianas Herz führte einen Sprung aus. Sie hob den Blick und sah in die weißen Augen der Ersterkorenen. Kalia streckte ihr die Hand entgegen, die sie dankbar ergriff. Der starke Ruck kam unerwartet und bevor Ellariana es verhindern konnte, stolperte sie in ihre Arme. Kalias hellorange Aura umschloss sie sofort. Die kribbelnden Schauer, die ihren Körper erfassten, hörten gar nicht mehr auf.
Der warme Atem der Ersterkorenen streifte Ellarianas Hals, als sie ihr ins Ohr flüsterte: »Deine Bestimmung wird dir den Weg zeigen.«

Gezwitscher, so schallend, dass es in den Ohren schmerzte. Vrokai kniff die Lider fest aufeinander
und legte die Hände seitlich an den Kopf. Das schrille Tschilpen wurde dadurch gedämpft, aber es reichte nicht aus, um die benötigte innere Ruhe wiederzuerlangen, um weiter für die Auslese der Novizen zu üben.
Vrokais Gedanken kreisten alleinig um den Störenfried, dessen Schuld es war, dass die im Stillen aufgesagten Sprüche der Hexerei wie Wasser in einem trockenen Flusslauf versiegt waren. Mit jedem Atemzug schwoll der Zorn an und das durch die Vorfreude erwachte Kribbeln im Bauch hatte sich längst zu einem nagenden Ziehen gewandelt. Vrokai knurrte erbost und riss die Augen auf. Sein
Blick sprang von der Raumdecke zum geöffneten Fenster. Die Vorhänge flatterten durch den lauen Windzug und stoben schließlich auseinander. Sie gaben eine begrenzte Sicht nach draußen frei und der im Mauerwerk verankerte metallische Rahmen glänzte in der Sonne.
So weit Vrokai von seinem Schlaflager aus erkennen konnte, stand den Hexern im Konvent erneut eine warme Sonnenwanderung bevor. Doch nicht der blaue Himmel ließ sein Herz schneller schlagen, sondern der bräunlich gefiederte Vogel, der sich just in dem Moment aufrichtete, mit den Flügeln schlug und ein helles Zwitschern ausstieß.
Vrokais Mund glich sogleich einer schmalen Linie. Er streckte den Arm aus, öffnete die Hand und murmelte »Guruth«, während er zugleich die Finger schloss. Knöchelchen sowie die langen Schwingenfedern knackten. Die fröhliche Melodie nahm für zwei Herzschläge einen dunklen Ton an, dann bäumte sich das Tier auf und stürzte rücklings von der Stange. Vrokais höhnisches Lachen übertönte den dumpfen Aufschlag des Körpers auf dem Steinboden und das Geräusch des panischen
Geflatters. Im Nu hatte sich der Zorn verflüchtigt, stattdessen wuchs die Faszination über den aussichtslosen Kampf gegen den ansteigenden Druck, der langsam den Vogelkörper zerquetschte.
Er warf den dünnen Überwurf zurück und sprang aus dem Bett. Die bis zu den Knien reichende Schlafrobe raschelte und die nackten Füße erzeugten auf dem kalten Boden tapsende Laute. Den Vogel nicht aus dem Blick lassend kniete sich Vrokai nieder. Die Bewegungen des kleinen Geschöpfes erschlafften zusehends und in den aufgerissenen Augen war unschwer die Angst zu erkennen.
Der Anblick des leidgeplagten Tieres verstärkte das ihn ausfüllende Machtgefühl. Er hob den Sterbenden auf und legte ihn sich auf die rechte Handfläche, um die letzten Herzschläge zu spüren.
Fremdartige Hexenwörter blitzten durch seine Gedanken, und obwohl Vrokai nicht wusste, was es damit auf sich hatte, berührte er mit dem Zeigefinger den zerschmetterten Brustkorb der Kreatur. Er flüsterte: »Fae uin rhaw neitha.«
Ein dünner, bläulich schimmernder Rauchfaden löste sich und umspann seine Fingerspitze. Vrokai streichelte mit der Daumenkuppe über das Lichtgebinde. Die Helligkeit nahm zu, sodass er sich geblendet abwandte. Daher bemerkte Vrokai auch zu spät, dass das Licht in seine Haut eindrang. Die Stelle kitzelte, dann brannte es leicht. Ein unbekanntes Gefühl wanderte bis zum Handgelenk hoch, verweilte dort kurz, um sich nach ein paar Atemzügen weiter auszubreiten. Sein Herz hämmerte
kraftvoll in der Brust und das ihn erobernde Empfinden entfachte den Glauben, dass er unbezwingbar sei. Sein Blick glitt vom prickelnden Daumen zum Vogel, dessen seelenloser Körper mit aufgeklapptem Schnabel und verdrehtem Genick auf seiner Handfläche lag.
Vrokai kniff die Lider zusammen und sagte: »Fae uin rhaw nestag.« Es passierte nichts, lediglich der Wind verfing sich in dem aufgeplusterten Gefieder des geschundenen Geschöpfes. Vrokai hob bereits den Arm, um es aus dem Fenster zu werfen, da spürte er ein sanftes Kratzen der Krallen. Die Beinchen zuckten und es folgte eine unscheinbare Bewegung der gebrochenen Flügel. Nebenher wölbte sich der Brustkorb und die Atmung setzte wieder ein. Schließlich kehrte das Leben in die Augen zurück und es gelang dem Tier, sich aufzurichten. Benommen schüttelte es das Köpfchen und der nun wache Blick hetzte umher. Es spreizte die Schwingen, schlug einige Male damit, allerdings nicht stark genug, um sich zu erheben. Dennoch strichen die Enden der Federn an den angewinkelten Fingern entlang und verursachten ein Kitzeln.
Die Luft knisterte und den Vogelkörper umgaben plötzlich spärliche Nebelschwaden. Der rötliche Schnabel öffnete sich, jedoch flossen anstelle der lieblichen Melodie dunkle Töne aus der Kehle. Der Vogel erbebte, richtete sich erneut auf, bewegte die Flügel und kippte zur Seite. Fassungslos blickte Vrokai auf ihn hinab. Langsam zerbröselte das Gefieder, bis nur mehr der kahle Körper auf seiner Hand lag.

Raue Finger legten sich auf seine Lenden und zogen ihn zurück. Der heiße Atem, der nach reichlich Fion stank, strich an seinem Ohr vorbei und veranlasste Seron, die Luft anzuhalten. Abscheu gegenüber dem Fremdling breitete sich immer schneller in seinen Gedanken aus. Sein Wille schrie
förmlich danach, den anderen von sich zu stoßen und sein Heil in der Flucht zu suchen. Doch das Wissen, dass er der Schicksalsfügung nicht entrinnen konnte, lähmte seinen Körper. So kam es, wie es kommen musste. Kaltnasse Finger schoben sich zwischen seine Beine und zwängten sie auseinander.
Die harte Männlichkeit glitt an seiner Haut entlang und suchte unbarmherzig seine Wärme.
Seron schrak hoch und blieb aufrecht auf der auf dem Boden ausgebreiteten stoppeligen Unterlage sitzen. Er lehnte den Oberkörper nach vorn und umgriff zitternd die Knie. Sein Herz pochte laut in den Ohren und die dünne Decke lag zerknittert um seine Taille. Mit geschlossenen Augen versuchte er, die Bilder des Traumes aus dem Kopf zu verbannen. Allerdings schürte die ihn überwältigende Erinnerung an das belauschte Gespräch seiner Eltern das Grauen weiter.
Ungewollt hörte er die tiefe Stimme seines Vaters erneut sagen: »Nun, da Seron vor sechzehn Winterkreisläufen den ersten Atemzug ausführte, wird es an der Zeit, dass er seine Pflicht erfüllt.«
»Aber muss es das Haus der Reinigung sein?«, entgegnete seine Mutter. »Ich beobachtete ihn bei den Waffenübungen, er scheint sehr begabt darin.«
Sein Vater lachte auf. »Er wird trotzdem nie ein Krieger in der Streitmacht.«
»Er ist schnell und könnte als Laufjunge oder in einer der Schenken arbeiten.«
»Wenn sein Liebreiz verblüht und seine Dienste nicht mehr gewünscht werden, kann sich Seron noch immer in einer Spelunke für wenige Kupferlinge abrackern.«
Einen Widerspruch seitens seiner Mutter hatte er nicht gehört, stattdessen ahnte er durch das Blubbern zweier sich füllender Becher und durch ein Klirren, dass seine Eltern auf sein unheilvolles Dasein anstießen.
Seron riss die Lider auf und schüttelte heftig den Kopf. Sein Blick huschte die Wand entlang und ver
harrte bei der rechteckigen Maueröffnung. Während der Sonnenwanderung war diese gerade groß genug, dass die Sonnenstrahlen den halben Raum ausleuchteten. Jetzt, wo der Mond über das Firmament streifte, verirrte sich kein Lichtschein herein. Dafür der kalte Wind, der die Geräusche der ruhenden Stadt mit sich trug. Seron erhob sich von der Schlafstelle, legte sich die Decke um die Schultern und näherte sich der Öffnung. Dort angekommen stellte er sich auf die Zehenspitzen
und ließ den Blick über Naumundals Dächer schweifen. Die Dunkelheit beherrschte die Straßen, da der Neumond im Verborgenen am Himmel entlangwanderte.
Seine Augen richteten sich nach Osten, um in der Ferne das erste Anzeichen des Sonnenaufgangs zu suchen, und tatsächlich fand er es in dem unscheinbaren hellen Streifen am Horizont. Unverzüglich entfachte ein flaues Gefühl im Magen. Seron stieß aufgeregt die warme Atemluft aus, die durch die Kälte weiße Wölkchen bildete. Er schätzte, dass ihm noch fünf Schattenzyklen blieben, bis es alleinig an ihm lag, ob er in diesem Leben den bessergestellten Dynastien als Lustknabe diente oder der beste Kämpfer in der Streitmacht des Regenten sein würde.

Ragran hob den Krug schwungvoll an seinen Mund, wobei der Fion über den Rand schwappte und sich auf den Lippen verteilte. Der fruchtige Geruch kitzelte in der Nase und der kräftige Geschmack prickelte auf der Zunge. Auf die wenigen Tropfen folgte ein langer Schluck. Er legte den Kopf in den Nacken und ein wenig Fion floss aus seinem rechten Mundwinkel, über die kantigen Wangenknochen, um schließlich in dem hohen Kragen des Gehrocks zu versickern. Zusammen mit Ragrans siegesgewissem Schrei senkte sich das Gefäß und schlug mit einem lauten Poltern auf dem Tisch auf.
Ragran grinste breit. Dass sein Oberkörper durch den reichlichen Verzehr von Fion schwankte, bemerkte er nicht. »Ich sagte dir doch … ahhh … du hättest nicht gegen mich wetten sollen.« Er bewegte den ausgestreckten Finger belehrend und schmatzte mit offenem Mund.
Danach fuhr er sich mit seiner Zunge über die belegten Zähne. »In Naumundal leert niemand einen Krug Fion schneller als ich.«
»Einer ist wie keiner«, verteidigte sich der Unterlegene und hob den Arm. »Weib, bring uns noch zwei!«
»Forderst du mich erneut heraus?«, fragte Ragran und schnaubte vergnügt. Sein Kinn ruckte in Richtung der aufeinandergelegten Münzen. »Ein weiteres Misslingen macht mehr als einen Mondzyklus deines Lohns aus.«
»Dieses Mal wird mein Krug zuerst auf das Holz aufschlagen«, sprach sich der Dämon Mut zu.
»Oder du auf dem Tisch, weil dir der Fion in den Kopf stieg.«
»Ihr müsstet eigentlich schon darunter liegen«, bemerkte eine tiefe Stimme aus dem Zwielicht der Schenke.
»Drimai?« Ragran zuckte zusammen, seine Schultern sackten nach unten, wodurch ein runder Rücken entstand und er einem geprügelten Straßenhund glich. »Du hier?«
»Ihr NOCH hier?«, entgegnete Drimai.
»Wie komme ich zu der Ehre deiner Anwesenheit?« Ragran sprach so laut, dass die Trinkkumpane die Verhöhnung hörten.
»Ich führe den Befehl Eurer Mutter aus.«
Die dreiste Antwort blieb Ragran im Hals stecken, sein Mund öffnete und schloss sich. Dann fragte er weitaus leiser: »Der da lautet?«
Drimai beugte sich vor, bis seine Lippen auf der Höhe von Ragrans Ohr waren. »Euch zu suchen und wenn nötig, an den Hörnern ziehend zu ihr zu bringen.«
»Das würdest du nicht tun!«
»Stellt mich auf die Probe, junger Fürst.« Drimai lachte und legte die Hand auf Ragrans Schulter. »Ihr
hättet einen Platz am Fenster wählen sollen.«
»Dieser Tisch sagt mir mehr zu.« Ragran sah zu ihm auf und fügte frech grinsend hinzu: »Man sieht mich nicht sofort.«
»Ihr hättet aber neben Eurem Trinkgelage bemerkt, dass die Sonne bereits aufging. Gehen wir.« Drimai hakte den Daumen unter den Gürtel. »So habt Ihr Zeit, den Kopf in einen mit kaltem Wasser gefüllten Bottich zu stecken.«
»Wo willst du hin?« Der Dämon packte Ragrans Handgelenk und hielt ihn fest.
»Meinen Rang in der Streitmacht des Regenten erkämpfen.«
»Du bist mir noch eine Wette schuldig.«
»Bin ich das?« Mit einem entschiedenen Ruck schüttelte Ragran ihn ab. »Wir wollten einen Krug leeren, das haben wir getan.« Mit der linken Hand schob er die Münzen auf die Tischkante zu, mit der rechten fing er die darüber stürzenden auf. Seine Augen verweilten kurz auf den dreckigen Kupferlingen, dann sah er zu dem Dämon, auf dessen Stirn sich Zornesfalten abhoben und Zahnstummel hinter den gefletschten Lippen gelblich schimmerten.
Drimais Schatten verschlang das fahle Licht auf Ragrans Gesicht und die Angriffslust des Dämons
schrumpfte bei seinem Anblick. Obwohl die Hand des Kriegers nicht auf dem Schwert lag und er keine drohende Haltung annahm, strahlte Drimais die Entschlossenheit zum Entseelen aus, die sogar nach üppig getrunkenem Fion nicht zu übersehen war.
»Überlasst ihm die Münzen und stimmt dadurch den Schicksalsweber gnädig«, verlangte Drimai mit offener Hand von Ragran. »Und du«, er drückte dem überraschten Dämon die Kupferlinge in die Handfläche, »fordere nur eine Wette ein, wenn du dir sicher bist, diese zu gewinnen, und nicht aus Stolz vor deinen Kameraden. Deine Bälger werden es dir danken, weil sie nicht mit hungrigen Bäuchen im Schlaflager liegen.«

Ein verästelter Blitz zog gleißende Bahnen durch das wolkenverhangene Firmament. Im Dämmerlicht zeichneten sich die Umrisse des Gebirges, von dessen Felswänden der Donnerschlag widerhallte. In der Ferne war ein Rumpeln hörbar, woraufhin Ecceia ihren Blick nach Norden richtete. Der Hang eines Berges versperrte ihr die Sicht, aber als sich kurz darauf das Wasser im überfluteten Flussbett bräunlich färbte, bestätigte sich ihre Annahme, dass durch die andauernden Regenfälle eine Böschung ins Tal schlitterte. Sie atmete tief ein und schloss die Augen. Die Berührung der Sonnenstrahlen, die ihre kühle Haut liebkosten, blieb ein Wunschgedanke. Stattdessen fielen harte Tropfen auf die blassen Wangen und die durch Verzagtheit gekräuselte Stirn.
Das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein, veranlasste Ecceia, die Lider zu öffnen. Im selben Moment strichen sanfte Finger die schwarze Haarlocke mit der violetten Strähne hinter ihr spitzes Ohr. Es folgte ein weicher Kuss auf die Schläfe und eine warme Hand legte sich auf ihre regennasse, mit der sie das Geländer fest umklammerte. Der verkniffene Mund entspannte und ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Ein Blick über die Schulter war nicht notwendig, nur ihr Gefährte würde es wagen, sich der Stammesfürstin dermaßen vertraut zu nähern.
»Alween«, flüsterte sie in den Wind.
Er stellte sich hinter sie und zog Ecceia mit einem leichten Druck seiner nun auf ihrer Hüfte liegenden Hand gegen seinen Brustkorb. Ihr Körper erbebte, wie er es immer tat, wenn Alweens Aura mit ihrer verschmolz. »Seit wann stehst du schon im Regen?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Die Elemente wüten in dieser Sonnenwanderung länger als nach der Schicksalsschlacht.«
»Die Ältesten sind weiterhin nicht beunruhigt.«
»Sie mögen die Ältesten unter uns Kerdraren sein, dennoch sind sie zu jung, um auf dem Feld der Entseelten gegen die Dämonen gekämpft zu haben.«
»Genau wie du und ich«, erinnerte Alween sie. »Das Gefecht wurde zu einer Geschichte für die Schattenzyklen an den Lagerfeuern, und durch den Seelenbaum grünt der Wald nirgendwo in Lunalir so überwältigend, wie in dem Gebiet.«
»Das mag wohl so sein, aber in den hunderten vergangenen Winterkreisläufen dauerte ein Unwetter wie dieses nie länger als eine Sonnenwanderung«, widersprach Ecceia.
»Woher willst du eigentlich wissen, wie anhaltend der Aufruhr der Elemente damals war?«
»Von Kherdru.« Ecceia drehte leicht den Kopf, bis sie Alweens Gesicht sah. »Es ist dem Stammesfürsten der Kerdraren vorbehalten, die Aufzeichnungen der einstigen Fürsten einzusehen.«
»Und das Gelesene bereitet dir jetzt Sorgen?«
»Zu jener Zeit verschütteten Steinlawinen Dörfer und der ins große Gewässer mündende Fluss überflutete weite Landstriche.«
»Ecceia.« Alween legte die Hand auf ihre Schulter und drehte sie um, sodass sie mit dem Gesicht zu ihm gewandt nun an der Brüstung stand. Seine braunen Augen ruhten in ihren violetten. Er lehnte sich vor und hauchte ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. Als er sich wieder aufrichtete, hing ein Regentropfen auf seinen Lippen. »Wie ich dich kenne, wird ein ausgesendeter Krieger, der nach der Unversehrtheit deiner Stammesleute sieht, nicht deine Befürchtung vermindern.«
Sie lächelte und schüttelte den Kopf. »Du kennst mich wahrlich gut.«
»Deine Unbesonnenheit«, er lachte auf, »lässt mir häufig das Herz bis zum Hals klopfen.«
»Als Stammesfürstin kann ich mich nicht hinter den Mauern von Iathas verstecken.« Ecceia berührte seine Wangen und stellte sich auf die Zehenspitzen, bis ihre Lippen auf der Höhe seines Mundes waren. »Mein Volk vertraut mir, weil ich nicht zögere, die Krieger anzuführen.«
»Sie würden es verstehen, wenn du jetzt, da sich unser größter Wunsch erfüllte, bei unserer Tochter Arola bleibst.« Er neigte den Kopf, bis ihr Atem in den leicht geöffneten Mund strömte. »Dafür, meine Stammesfürstin, hast du mich an deine Seite gewählt.«
Ecceia schenkte ihm einen sanften Kuss. Ihr Bauch kribbelte, als wäre es ihr erster. Bei der Auflösung der innigen Berührung zog er sich wie damals schmerzlich zusammen. Für einen langen Moment sahen sie sich stumm an. Es waren keine Worte nötig. Das lautlose Flehen ihres Gefährten, dieses Mal zurückzubleiben, war für Ecceia in seinen Augen unübersehbar. Aber auch Alween erkannte in ihrem stolzen Blick die Antwort. Inständig hatte er gehofft, sie nicht zu finden.
»Unterrichte die Krieger, dass ihre Stammesfürstin in der kommenden Sonnenwanderung nach Norden reitet.« Sie wich zur Seite aus. »Wenn sich die mit Schnee bedeckten Gipfel aus der Dunkelheit hervorheben, brechen wir auf.«
»Ich begleite dich«, bestimmte Alween.
»Nichts anderes habe ich erwartet.« Sie ging einige Schritte auf die Tür zu, blieb stehen und sah über die Schulter. Alweens von ihr abgewandtes Gesicht verdeutlichte ihr, dass er ihre Entscheidung missbilligte. »Verabschiede dich zuvor von unserer Tochter.«
Sein Kopf zuckte in ihre Richtung. »Speisen wir nicht mit Arola zusammen?«
»Bis du mit den Vorbereitungen fertig bist, wandert der Mond längst über das Firmament«, entgegnete Ecceia. »Um den Aufbruch durch den Abschied nicht unnötig hinauszuzögern, bringe ich Arola vor dem Mahl zu Ussa.«

Asche wirbelte auf. Der abgenagte Schenkelknochen sprang vom Boden auf und landete in den Flammen, welche sich sogleich um ihn schlossen. Ein leises Knacken erklang. Asharel leckte den Zeigefinger ab, danach den Daumen und seufzte. »Nächstes Mal nehme ich etwas aus der Vorratshalle mit.«
»Die Hasen waren zäh, aber genießbar«, besänftigte Fynth ihn. »Es gab schon üblere Verpflegung in den Feldlagern.«
»Ich mag es, wenn es sehnig und roh ist.« Yssai kratzte mit dem Fingernagel zwischen zwei Rippenknochen entlang. Während sie die Hand zum Mund führte, schimmerte das
Fleisch im flackernden Licht rötlich. Um den köstlichen Geschmack auf der Zunge zu verstärken, schleckte Yssai absichtlich langsam das Blut von ihren Lippen.
»Wer möchte als Nächster sprechen?« Fynth sah von Gaya zu Asharel und wieder zurück zur Schamanin.
»Ich!«, platzte es aus Asharel heraus. »Es wird euch nicht gefallen.«
»Uns steht ein Krieg bevor?«, befürchtete Gaya und schüttelte ärgerlich den Kopf. »Es gab keinen Übergriff seitens der Orks.«
»Woher willst du das wissen?«
Gaya kniff die Lippen zusammen und hielt Asharels Blick stand, danach antwortete sie genauso schneidend: »Sharkan würde es vor mir nicht verheimlichen.«
»Und die anderen Clananführer unter den Orks?«
»Er ist der König!«
»Genau deswegen sieht er nicht alles.« Asharel hob die Schultern. »Nur das, was die Verschwörer ihm zu sehen erlauben.«
»Woher willst du das wissen?«
»Es gibt Mittel und Wege, die aus jeder Kehle die Wörter sprudeln lassen.«
Fynth richtete sich gerade auf. Ein Schatten huschte über sein Gesicht. Bilder der verborgenen Katakomben unter dem Palast in Adoria tauchten aus der Vergessenheit auf. Die Erinnerung an den Gestank der von Blut und Urin geschwängerten Luft rief ein Zittern herauf. »Das hat Druindar nicht
wirklich getan!«
»Es blieb ihm nichts anderes übrig.«
»Von was sprecht ihr?« Gayas Hände schlossen sich zu Fäusten, während ihr Blick zwischen Fynth und Asharel hin und her sprang.
»Von etwas Bedeutungslosem im Vergleich zu dem, was ich eigentlich sagen wollte«, verharmloste Asharel. »Nach der Weltenschlacht erhielt Druindar Botschaften über entseelte Elben in kleinen Ansiedlungen und auf Gehöften.«
»Vielleicht streiften die Dämonen während der Mondwanderungen umher«, überlegte Yssai. »Niemand achtete damals darauf.«
Asharel nickte. »Das war auch unser Gedanke, aber die Meldungen hörten nicht auf, ganz im Gegenteil, sie nahmen zu.«
»Sprich es doch einfach aus.« Gaya zeigte die Zähne. »Ihr schreibt diese Untaten den Orks zu.«
»Die erste Entseelung geschah lange bevor die Orks nach Lunalir kamen.«
»Treubrüchige könnten sich während des Rückzugs vom Schlachtfeld davongestohlen haben«, überlegte Fynth. »Es ist kein Geheimnis, dass Sharkans Weg bei so manchem Krieger umstritten war.«
»Oder noch ist«, fügte Asharel hinzu. »Aber nein, den Beschreibungen über den Zustand der Entseelten nach zu urteilen, waren es keine Orks. Dazu sind nicht einmal diese blutdürstigen Best…«
Gaya räusperte sich. »… Iasanaras Geschöpfe im Stande.«
»Wie waren die Elben entstellt?«
»Als wäre die Seele ihrem Körper entrissen worden.«
Auch wenn Fynth und Gaya es gewollt hätten, gelang es ihnen nicht, die entsetzten Blicke und den schwer ausgestoßenen Atem zu verbergen. Fynth sah zu Boden und bewegte seinen Kopf verneinend. Gayas Augen verschleierten, als kehrten sich die Gedanken vom Hier und Jetzt ab.
»Der Durchgang ist verschlossen, er kann nicht zurückgekommen sein«, murmelte Fynth.
»Vielleicht waren wir am Portal nach Senasir unvorsichtig«, befürchtete Gaya. »Ein kleiner Riss genügt, damit die magische Barriere einstürzt.«
»Es wäre mir aufgefallen.« Fynth presste die Lippen leicht zusammen und dachte nach. »Wenn er Dawius nicht findet, gibt es niemanden auf Iasanara, der ihn davon abhält, sich jeder einzelnen Seele zu bemächtigen.«
»Von wem sprecht ihr?«, war es nun an Asharel zu fragen.
»Nyrir.«
»Dawius’ Pferd?« Yssais rechte Augenbraue hob sich verständnislos.
»Eigentlich ist er ein Seelenhäscher«, erklärte Fynth. »Dawius befreite ihn aus dem Schattenreich zwischen Iasanara und Sonterian.«
»Du wusstest davon?« Asharel sprang auf. »Und hast es uns nicht gesagt?«
»Ähm …« Fynth hob die Schultern und lächelte verlegen.
»Er drohte mir.«
»Dir war dein Leben wichtiger als das aller?« Asharels Arme bewegten sich schwungvoll durch die Luft und schlossen das Land ein. »Warum bin ich eigentlich überrascht? Du handelst wie jeder Magiebeherrscher.«
»Du tust Fynth unrecht«, verteidigte Gaya ihn. »Du kannst genauso gut deinen Zorn auf mich loslassen. Ich wusste es seit dem Zusammentreffen auf der Hochebene der Kriegsführer.«
»Dawius drohte mir, dass Nyrir die Seelen meiner Freunde in sein Reich zwischen den Welten verbannt«, stellte Fynth leise, aber mit harter Stimme richtig. »Nichts war mir wichtiger als Ellariana und du.«
Für mehrere Atemzüge sahen sie sich stumm an. Nicht vorwurfsvoll, nicht nachtragend. Es war die Erinnerung an Ellariana, die beide Herzen schneller schlagen ließ. Der Ausdruck des Zorns, der ihn zuvor eingenommen hatte, schwand aus Asharels Mimik. Seine Mundwinkel sanken ab und die
Augen verwässerten. Mit brüchiger Stimme sagte er: »Entschuldige, Freund, ich hätte nicht an dir zweifeln dürfen.«
Fynth nickte nur. Dieses Mal wollte er nicht das letzte Wort haben, auch wenn es eine Beschwichtigung gegenüber Asharels Anklage gewesen wäre.
Das Schweigen nahm eine unangenehme Länge ein, doch schließlich war es Yssai, die es wagte, die Frage auszusprechen: »Was sollen wir nun tun?«
»Mit der Unterstützung der Elemente und mit Magie werden wir den Seelenhäscher gefügig machen«, entschied Gaya.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner