Wage es nie wieder

Der Wind fegte von der Einöde über die Felskante in den Steinbruch hinab und brachte Sandkörner mit, die sich in Arontas schwarzblauem Haar verfingen und den nassen Oberkörper bedeckten. Die roten Striemen auf den Armen, die sein Aufbegehren gegen die Knechtung verdeutlichten, verschwanden beinahe unter der Schmutzschicht. Er drehte den Kopf zur Seite und wischte sich übers Gesicht. Als er den Blick auf die linke Hand senkte, waren die verkrusteten Schwielen an den Fingeransätzen mit einem Sand-Schweißgemisch überdeckt.
Arontas hob die Augen zum Himmel und ächzte. Die Sonne stand erst kurz davor, den Zenit ihrer Reise zu erreichen, dennoch war es in der Talsenke bereits so heiß, dass ihm das Atmen schwerfiel. Für einige Augenblicke lauschte er, ob sich Schritte näherten. Normalerweise ließen sie nicht lange auf sich warten, wenn er eine Rast einlegte. Doch noch war nichts zu hören, daher lehnte sich Arontas auf der Schattenseite mit dem Gesäß gegen den Felsbrocken. Seine Finger der linken Hand krallten sich in den Muskel über dem Knie und gaben dem Arm die benötigte Kraft, den vorgebeugten Oberkörper zu stützen. Die Knöchelchen im Hals knackten und knirschten, als Arontas’ Kopf kraftlos nach unten sackte.
Fast schien es, als bemitleideten die Elemente ihn, denn der Wind versiegte jäh. Dafür drang melodisches Pfeifen an seine Ohren und er richtete seinen gepeinigten Körper abrupt auf. Die raue Oberfläche des Steines riss einige fast verheilte Schürfwunden auf. Zomrus zischte und stieß sich vom Felsen ab. Xokukus saurer Körpergeruch hing schon in der Luft und Arontas hielt den Atem an.
Er ließ eifrig die Hacke nach unten schwingen. Seine Unterarme erzitterten durch die harte Wucht, mit der die Spitze auf den Stein einschlug. Mit dem Aufprall kam das Pochen in den Handgelenken zurück. Arontas biss die Zähne zusammen und schlug ein weiteres Mal auf den Felsen ein. Der Schmerz in den Händen war nicht mit dem durch die Peitsche zugefügten zu vergleichen. Immer schneller wurden die Bewegungen und bald übertrumpfte das rhythmische Klirren das Pfeifen der Wächterin.
Als die knirschenden Schritte so laut waren, dass sie Arontas in dem kurzen Moment der Stille, wenn er die Hacke hob, einen Schauder über den Rücken jagten, spannte sich sein Körper an. Die Brust- und Bauchmuskeln traten gut sichtbar unter der sonnengebräunten Haut hervor und die Muskulatur der Schultern bewegte sich durch die Armbewegungen. Es kostete Arontas seine gesamte Willenskraft, nicht in die Richtung zu blicken, aus der sich Xokuku näherte.
Sein Zorn auf sich selbst, weil er der Müdigkeit nachgegeben hatte, obwohl er wusste, welche Folgen es haben würde, löste ein Grummeln im Magen aus. Der Schweiß floss ihm mittlerweile von der Stirn über die knochigen Wangen, dennoch wagte er es dieses Mal zu keinem Augenblick, sich die salzige Flüssigkeit abzuwischen. Er sammelte ein wenig Speichel im Mund und schluckte ihn die trockene Kehle hinunter. Das Brennen im Hals war seit der ersten Sonnenwanderung, in der er nichts anderes getan hatte, als Felsen zu spalten, ein ständiger Begleiter. Das Einnehmen der dürftigen Speisen und das seltene Stillen seines Durstes wurden zur Qual.
»Elbe!«, hörte er Xokuku rufen, bevor er sie sehen konnte.
»Wächterin, Ihr seid früh dran«, sagte Arontas und verneigte sich tief. Schon nach dem ersten Sonnenaufgang als Elbe hatte er gewusst, was die Orks von ihm erwarteten, doch erst die zweite Ohnmacht nach der Bekanntschaft mit der Peitsche hatte Arontas dazu gebracht, diesem Wunsch zu entsprechen.
»Du dreckig wie Wildhund.« Xokuku packte fest sein Kinn und drehte den Kopf hin und her.
»Der Fluss würde diesen Umstand sofort beheben.«
Die Wächterin sah nachdenklich nach Norden und nickte unmerklich. »Nurbag dich sehen will, du aber stinkst wie zerfallener Bison.«
»Warum will mich der Regimentsführer sehen?« Arontas starrte zum Felsen. »Es liegt nicht an mir, dass ich noch keinen Staub gefunden habe.«
»Du kommen mit!« Xokuku schlug ihm die Hacke aus der Hand und zerrte ihn neben sich her.
Ihre Schritte waren nicht schneller als sonst, aber die kräftezehrende Tätigkeit seit Sonnenaufgang forderte ihren Tribut. Mehr als einmal stolperte Arontas und nur Xokukus eiserner Griff um seinen Oberarm verhinderte einen Sturz.
Das Rauschen des Flusses verstärkte das Verlangen nach Wasser. Sein Magen zog sich wegen des Durstes schmerzlich zusammen und ein Rasseln begleitete die raschen Atemzüge. Völlig unvorbereitet überflutete ihn bei dem Anblick des fließenden Gewässers eine Seelenregung und sein Blick verschleierte. Nach mehrmaligem Blinzeln waren die Tränen in den Augen versiegt und er sog regelrecht das friedliche Bild des Ufers, des Flusses sowie des dahinterliegenden Bergmassivs ein. Ganz kurz, nicht länger als ein weiterer Wimpernschlag, blitzte der Gedanke auf, dass es nur wenige Schwingenschläge bräuchte, um diesem nicht enden wollenden Albtraum zu entfliehen. Doch mit Xokukus Stoß an seine Schulter zerplatzte das Trugbild und die Wahrheit seines neuen Daseins hatte ihn wieder.
»Du ziehen aus«, verlangte die Wächterin.
Arontas tat, wie ihm befohlen, und wartete mit der aus groben Linnen gewobenen Hose sowie dem ausgetretenen Schuhwerk in der Hand auf weitere Befehle.
Xokukus Augen wanderten von den geschwollenen Füßen bis hinauf zu seinem Gesicht. Die abgekauten Fingernägel strichen über seinen Oberschenkel, die Lende aufwärts, außen an den Bauchmuskeln entlang, bis hin zur linken Seite seiner Brust, in der sein Herz stark pochte. Ihre Mimik nahm einen gierigen Ausdruck an und die lange wulstige Zunge hing aus dem Mund.
Arontas wurde von einem Zittern erfasst, aber kein Laut kam über die Lippen und seine hellblauen Augen sahen geradeaus.
»Du geworden Elbe, schöner Körper jetzt du hast«, lobte Xokuku. »Wenn du willst, ich dir meine Wärme gebe.«
Arontas zischte und der Schlag auf seinen Hinterkopf kam schneller, als der Laut in den Ohren verklungen war.
»Du nix gelernt!« Xokuku fletschte die Zähne. »Dann du jetzt lernst!«
»Verzeih, Wächterin, ich …« Arontas’ restliche Entschuldigung ging in einen Schmerzensschrei über. Die Peitschenschnüre surrten durch die Luft und züngelten wie Flammen über seine Haut. Zwei Schläge reichten aus, dass er zu Boden stürzte und den Kopf mit den Armen bedeckte. Arontas wimmerte und hoffte, dass der untergebene Laut sie wieder milde stimmen würde.
Doch dieses Mal packte Xokuku plötzlich fest seinen Nacken und schleifte ihn halb aufrechtgehend bis hinunter zum Ufer. Dort angekommen hielt sie kurz an. Ihr Kopf drehte sich suchend von einer Seite zur anderen. »Du stinkst, bist unwillig und machst spalten Fels nicht gut«, keifte Xokuku. »Ich dich wie Straßenhund ersäufen.«
Bevor die Worte für Arontas einen Sinn ergaben, stand er im hüfthohen Wasser. Seine Haut prickelte durch die Kälte und die Müdigkeit verschwand schlagartig. Schon wollte sich so etwas wie Erquickung einstellen, als ihm Xokuku plötzlich die Füße wegtrat und er mit dem Gesicht voran im Fluss landete. Er hörte noch ihr kreischendes Lachen, dann befand er sich unter der Wasseroberfläche. Zuerst hatte er keine Bedenken, seine Lippen waren aufeinandergepresst und der Herzschlag stark, aber ruhig. Jedoch breitete sich von der Kehle ausgehend rasch ein Brennen im ganzen Körper aus und ihn durchflutete der Drang, um sein Leben zu kämpfen.
Arontas bäumte sich auf, kam allerdings gegen die Wächterin, die ihn erbarmungslos nach unten drückte, nicht an. Versuchte er, einen sicheren Halt mit den Beinen zu finden, trat Xokuku danach und er rutschte auf den schlüpfrigen Steinen aus. Verzweifelt schlug Arontas mit den Armen um sich und riss die Augen auf.
Mittlerweile stand sein Körper in Flammen und er erlag dem Trieb, den Mund zu öffnen. Immer schneller schluckte er das Wasser und mit jedem Schluck erschlaffte seine Gegenwehr. Arontas bewegte ein wenig den Kopf und sah das tanzende Licht auf den Wellen. Er seufzte innerlich, der Überlebenskampf war verloren und er machte sich bereit für den Pfad des Windes.
Xokuku riss ihn unbarmherzig nach oben und zerrte ihn aus dem Wasser. Die Sonnenstrahlen bohrten sich durch die verdrehten Augen in seinen Kopf. Ohne Rücksicht hämmerte sie ihre Handflächen gegen sein Brustbein und machte sich über mögliche Rippenbrüche keine Gedanken.
Fünf Hiebe waren nötig, bis der Hustenreiz einsetzte und Arontas das Wasser ausspie. Auf der Seite liegend würgte er alles heraus und drehte sich dann erschöpft auf den Rücken.
»Du wissen sollst, dass ich tun darf mit dir egal was«, drohte Xokuku, zerrte ihn auf die Füße und fasste ihm im selben Moment zwischen die Beine. »Ich dich nehmen kann, genau wie Orkkrieger die Weiber und Bälger im nördlichen Elbendorf.«
Ihre Finger packten so fest zu, dass Arontas aufschrie und nach ihrem Handgelenk griff. Er stöhnte vor Schmerz. »Was hindert dich daran? Schlimmer kann mein Leben nicht mehr werden«.
»Ich Ehre besitze. Keine Elbenbälger zwinge zu einer Verschmelzung – wie Krieger tun«, sagte Xokuku und stampfte mit dem rechten Fuß hart auf den Steinboden auf. Sie sah mit einem leeren Blick an Arontas vorbei. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht und ihre Augen klärten sich wieder. »Du dich ankleiden, der Regimentsführer warten.«

»War der Elb im Fluss?«, fragte Nurbag. Er griff grob nach einer triefenden Strähne von Arontas’ Haar und zog sie vom Rücken nach vorn.
»Er stinken wie Wildhund.« Xokuku streckte die Zunge raus und zog eine Grimasse. »Dann er wieder aufbegehrt und ich ihm zeigen Wasser von unten.«
Nurbag lachte und schüttelte den Kopf. »Du genießt schon länger als einen halben Mondzyklus unsere Gastlichkeit und dankst es uns noch immer mit deinem Ungehorsam?«
»Gastlichkeit?« Arontas hob die rechte Braue. »Wie behandelt ihr dann eure Feinde?«
»Das wirst du bald sehen.«
»Ich verstehe nicht. Wird Zomrus weitere Drachen verwandeln?«, fragte Arontas und sah zu Edro.
»Solange niemand etwas Unkluges tut, hat unser Herrscher keinen Grund dazu«, antwortete der ehemalige Drache.
»Du hast die Felsbrocken gesehen.« Nurbag deutete mit dem Kinn zum Steinbruch. »Du alleine bist zu langsam, daher werden in wenigen Sonnenwanderungen weitere Elben zu uns stoßen.«
»Regimentsführer, auf ein Wort«, bat Arontas und zeigte in dessen Zelt hinein.
Nurbag neigte den Kopf zur Seite. »Was willst du?«
»Etwas mit Euch bereden.« Arontas zog die Mundwinkel ein wenig nach oben. »Ihr werdet es nicht bereuen.«
»Geh voraus«, forderte Nurbag ihn auf. Bevor er Arontas folgte, wechselte er einen Blick mit Edro und Orok. »Wartet hier.« Im Zelt ließ er sich auf den mit unzähligen Sitzkissen bedeckten Boden fallen und streckte sich aus. Dann erst erlaubte er Arontas mit einer Handbewegung, zu sprechen.
»Regimentsführer, lasst mich gehen. Wenn die Elben eingetroffen sind, wird meine Abwesenheit nicht auffallen«, bettelte Arontas. Da sich in Nurbags Gesicht kein einziger Muskel bewegte, fügte er rasch hinzu: »Ich werde Euch reich belohnen.«
»Belohnen?« Nurbag setzte sich interessiert auf. »Ich höre.«
»Wenn ich über meine natürliche Gestalt verfüge, bringe ich Euch zu Gebirgen, in denen es Höhlen mit handflächengroßen Kristallen gibt.« Um den Regimentsführer zu überzeugen, öffnete Arontas die Hand und drehte die Handfläche nach oben.
»Kristalle?«
»Sie glitzern in der Sonne wie das Mondlicht auf einem ruhigen See.«
»Glitzern?«
Arontas nickte heftig. »Eure Gefährtin wird sich dankbar zeigen.«
Nurbag knurrte und erhob sich langsam. Sein Gesicht war ausdruckslos – kein Zittern, kein Zucken und nicht eine dünne Falte auf der Stirn.
Der Schlag kam für Arontas so unerwartet, dass er die Bewegung erst sah, als die Faust in sein Gesicht schmetterte. Knochen knackten und Blut lief ihm aus der Nase. Der Schmerz betäubte ihn beinahe, daher taumelte er mit rudernden Armen nach hinten aus dem Zelt. Dort stieß er gegen Edro, der am Eingang gewartet hatte. Der ehemalige Drache sprang zur Seite und gab Arontas einen weiteren Stoß, der ihn schließlich zu Boden brachte. Mit verschleierter Sicht sah Arontas von Orok zu Edro und zu Nurbag, der seine Hand verlangend nach Xokuku ausgestreckt hatte. Die Wächterin verstand sofort.
Arontas zischte und kroch auf allen vieren von den Orkkriegern weg. Er kam zwei Körperlängen weit, dann surrte die Peitsche durch die Luft und sein Schrei gellte durch das Lager. Die ihn einnehmende Furcht gab ihm ausreichend Kraft, vorwärtszukriechen, doch jede Bewegung nach vorn wurde von einem weiteren Peitschenhieb begleitet. Der Schmerz zerfraß sein klares Denken und seine Jammerlaute wurden dumpfer, da sich Blut in seinem Mund sammelte. Hustend spuckte er es aus und rang nach Luft.
In der Mitte des Lagerplatzes hockte sich Nurbag vor ihn und zog seinen Kopf an den Haaren nach oben. Seine Fratze war gezeichnet von Hass, Abscheu und Blutrausch. Er fletschte die Zähne und grunzte. »Elbe, wage es nie wieder, mich zu einem Bruch meiner Ehre zu verleiten.« Nurbag spuckte ihm ins Gesicht. »Bringt ihn weg, bevor ich seinen Kopf mit meiner Axt spalte.«