Die Überquerung

»Eine Brücke!« Sharkan knurrte anprangernd in Richtung Halor. »Nicht weit von der Stelle entfernt, die du unbedingt durchreiten musstest.«
»Gut zu wissen«, sagte der Hauptmann und schenkte ihm ein breites Grinsen. »Das nächste Mal nehmen wir gleich den südlicheren Pfad.«
Grunzend sah Sharkan wieder nach vorne.
»Dieses Gebilde hat seine besten Zeiten auch schon lange hinter sich«, bemerkte Dura. Die Herzogin kratzte sich am Oberarm und betrachtete die Überführung. Die zwei Pfeiler in der Flussmitte sahen verrottet aus. Das Wasser hatte fingergroße Kerben im Holz hinterlassen. Die Bretter, über die man gehen musste, um ans andere Ufer zu gelangen, wurden von dicken Seilen zusammengehalten. Der von Süden kommende Wind war zwar nicht stark, reichte jedoch aus, dass die Brücke lauter knarrte, als das Wasser rauschte.
»Einige Bohlen sehen aus, als ob sie gleich brechen würden«, schürte Gaya weitere Zweifel.
»Es gibt da eine Stelle …«
Sharkans hochschnellende Hand bewirkte, dass Halor den Rest des verhöhnenden Satzes hinunterschluckte. »Wir werden hier den Fluss überqueren«, entschied er. »Gaya, kennst du ein Wort der Magie, das ein Zusammenbrechen verhindert?«
Die Schamanin öffnete den Mund und ihre Augenbraue hob sich. Sie sah zu Dura. »Das hat er jetzt nicht wirklich gefragt, oder?«
»Und, kennst du eines? Schließlich beherrscht du ja das Magieweben«, hielt Sharkan an seiner Frage fest.
»Ich bin eine Schamanin und kein räudiger Elbenmagier.« Gaya stemmte den linken Arm in ihre Hüfte. Ihre Augen huschten unstet von Halor zu Sharkan, die skeptische Blicke austauschten.
»Gibt es da einen Unterschied?«, fragte der Herzog.
»Unterschied?« Die Schamanin jaulte auf und ihre Schultern sackten nach unten. »Bei Magiern reicht ein Funke Begabung aus. Sie erlernen durch Sprüche die Magie, die uns umgibt, zu nutzen. Schamanen hingegen werden von den Elementen auserwählt. Nur die Würdigsten erhalten die Ehre, sich den Urkräften hinzugeben.« Gaya richtete ihre Handfläche in Richtung Boden und murmelte ein Wort. Augenblicklich entstand ein kleiner Windstrudel, Blätter und Grashalme tanzten wild im Kreis. Als sie die Hand zu einer Faust formte, flaute der Wind ab, jedoch erschütterte an derselben Stelle die Erde. »Unsere Stärke ist es, die Urgewalten zu beherrschen.« Sie zog den Arm zurück. Dort wo der Strudel gewütet hatte, klaffte ein faustgroßes Loch im Waldboden. »Mit Kräutern und nützlichen Zugaben erstellen wir Tränke, die einem Kraft, Heilung und weitaus mehr zuteilwerden lassen.«
»Äh.« Sharkan ritt bis zu den zwei Pfosten, die an der Uferkante standen. Das erste Brett war durch die Witterung vollständig vermodert. Seine hervorstehenden Augenwülste bewegten sich nach unten und verdeckten fast die blitzenden Augen. Er zog den Mundwinkel hoch und grunzte unzufrieden. Die Spitzen seiner Eckzähne berührten die faltige Haut an den äußeren Augenwinkeln. Er formte eine Faust und verstärkte den Druck. Die Fingernägel gruben sich in die Handinnenfläche und Knöchelchen knackten.
»Wenn du mir mit so einem Gesichtsausdruck in einer Mondwanderung begegnest …« Halor muhte und klopfte auf Sharkans Rücken. »… würde ich meine Hufe in die Hände nehmen.«
»Einige Planken fehlen«, sagte der Herzog grimmig.
»Diese Brücke wird seit Hunderten Winterkreisläufen verwendet. Sie hat wohl kaum auf uns gewartet, um einzustürzen.«
»Halor hat recht«, erklärte Dura. »Der Sonnenuntergang setzt bald ein, lasst uns nicht unnötig Zeit verschwenden.«
»Ich könnte als Erster gehen.«
»Äh?« Sharkan starrte auf die breiten Hufe des Laccas. »Auf gar keinen Fall. Die letzten heilen Bretter würden unter dem Gewicht deines Reittieres zerbrechen.« Er erhob sich im Sattel. »Ich überquere den Fluss zuerst. Wenn ich auf der anderen Seite bin, folgt Dura und danach Gaya.«
Halor lenkte den Lacca zu der abschüssigen Uferböschung. »Besser, ich stell mich bereits ans Ufer.«
»Das wird nicht nötig sein. Die Strömung ist zu stark, nicht mal dein Reittier wäre massig genug«, sagte die Schamanin. »Die kalten Mondzyklen sind vorbei. Der Schnee im östlichen Gebirge beginnt zu schmelzen und füllt den Fluss.«
Das anschwellende Rauschen der Wassermassen, die an den Brückenpfeilern vorbeiflossen, bestätigte Gayas Überlegung. Obwohl Sharkan sich wieder der Brücke zugewandt hatte, spürte er die Blicke der Kameraden. Unbewusst streckte er den Rücken durch, straffte seine Schultern und hob das Kinn.
»Wenn ich die Hand hebe, reitest du los«, befahl der Herzog und nickte Dura zu. Für die anderen nicht sichtbar schluckte er einmal schwer, bevor er die Fersen in den Bauch des Blazetons stemmte.
Winselnd und mit eingezogener Rute setzte sich das haarlose Reittier in Bewegung. Die zuckende Schnauze hing knapp über den knarrenden Planken. Überrascht bemerkte Sharkan, dass der Blazeton nicht die mit Moos überdeckten Balken betrat.
Die Holzbrücke schaukelte immer heftiger und die Luft war feucht von der Gischt. Erst als Sharkan dem Ufer näher kam, beruhigte sich sein Herzschlag zunehmend. Mit dem Unterarm wischte er sich über die schweißnasse Stirn.
Knacken, gefolgt von einem Krachen, schreckte den Blazeton auf. Die rechte Pranke trat ins Leere, dann sackte plötzlich der Hinterlauf weg. Reflexartig zog der Herzog das Bein aus dem Steigbügel, stellte es auf ein Brett und verhinderte dadurch seinen Sturz. Der Blazeton bellte und machte einen Satz voraus. Mit angelegten Ohren sowie schlagendem Schwanz hetzte das Tier über die letzten Planken, sodass Sharkan Mühe hatte, nicht abgeworfen zu werden. Als sich der Blazeton mit großen Sprüngen von der Brücke entfernte, riss er erbittert am Reitgeschirr, um ihn wieder unter Gewalt zu bekommen. Das Maul klappte auf und die Fangzähne schnappten nach seinem Schienbein, woraufhin der Herzog das Zügelende über die empfindliche Schnauze zog. Winselnd und mit gesenktem Kopf schlenderte der Blazeton zur Uferkante zurück.
Kaum hob Sharkan den Arm, setzte sich Duras Reittier in Bewegung. Doch anstatt ihren Blazeton zu einem behäbigen Gang zu zwingen, schlug die Herzogin gegen den Hals des Tieres und ihr Blazeton stürmte mit ausladenden Schritten auf Sharkan zu. Duras trotzige Miene hellte auf, als sie am Herzog vorbeistürmte. Der Wind trug ihr aufgeregtes Lachen davon.
Kopfschüttelnd sah Sharkan ihr nach, hob jedoch gleichzeitig den Arm. Als Gaya sich auf den Weg machte, begleitete sie ein beunruhigendes Holzknirschen. Ihr Reittier überquerte die Brücke langsamer als Duras, aber um vieles schneller als Sharkans. Ein weiteres Brett zerbrach und landete im tosenden Strom. Das Loch in der Brückenmitte hatte nun die Breite von drei Planken.
»Hoffentlich bemerkt Halor die Öffnung«, sagte Dura.
Sharkan kratzte sich am Bart. »Ich befürchte nicht.«
»Falls das Lacca dadurch stolpert, landen die beiden in den Fluten.«
»Und wenn er einen Weg durchs Wasser wählt?«
»Ich denke, es ist hier zu tief. Man sieht nicht einmal mehr den Grund«, entgegnete Dura.
»Verdammt.« Sharkan zwang den Blazeton dazu, näher an die Uferböschung zu gehen. Weicher Boden gab unter den Pfoten nach und rutschte in den Fluss hinein. »Halor!«, schrie er und schwenkte den Arm. »In der Mitte haben sich zwei weitere Bretter gelöst!«
Halor erhob sich in den Steigbügeln und winkte zurück. Durch das lange Fell war sein Gesichtsausdruck nicht zu erkennen. Nur die gesenkten Ohren zeigten Sharkan, dass Halors Gelassenheit sich langsam in Missbehagen wandelte. Unerwartet glitt der Hauptmann aus dem Sattel und stellte sich vor das Reittier. Seine rechte Hand streichelte über die bullige Stirn des Laccas. Danach klopfte Halor auf dessen Hals und zog ihm das Zaumzeug über den Kopf.
Mit aufgeblähter Brust machte er den ersten Schritt. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Keines der Holzbretter gab unter seinem oder dem Gewicht des Laccas nach. Dann näherte er sich der Brückenmitte und erstarrte. Knarren! Sein Blick, der bis dahin nur Sharkans angespanntes Gesicht fixiert hatte, flog zu seinen Stiefelspitzen hinunter. Die Planke bog sich durch, Splitter lösten sich und wurden vom Wind fortgetragen. Als das Brett nachgab, öffneten sich Halors Augen so weit, dass das Weiß wie Neuschnee aufblitzte. Seine Ohren standen stramm zur Seite und mit aufgerissenem Mund sah der Hauptmann wieder zum vor ihm liegenden Ufer.
»Lauf!«, schrie Sharkan.
Halor sprang über die Öffnung. Energisch zog er am Zügel, jedoch reichte seine Kraft nicht aus, dass sich das Lacca in Bewegung setzte. Die Brücke schwankte, die Seile knirschten.
»Vergiss das Lacca! Lauf!«
Dura stieg aus dem Sattel und rannte auf Halor zu.
»Bleib hier«, befahl Sharkan und schnitt ihr mit dem Blazeton den Weg ab. Nur sein rasches Eingreifen verhinderte, dass die Herzogin die brenzlige Lage verschlimmerte.
Einen Atemzug später hörte sich das Knacken düsterer an – irgendwie endgültig – und Halor sah nach unten. Mit einem Knall zerbarst das Seil und die Brücke sackte ab. Die Hände des Hauptmanns flogen nach vorn und seine Finger krallten sich an einem Brett fest, das durch sein Gewicht bereits bröckelte. Morsche Holzstücke stürzten herab und verschwanden in reißenden Fluten mit weißer Gischt.
»Halor!« Sharkan sprang aus dem Sattel und lief zur Uferkante, an der das restliche Haltetau der Brücke festgemacht war. Das Geräusch von aneinanderschlagenden Holzbalken übertönte das Wasserrauschen, das wiederum Halors Muhen verschluckte. Dafür erklang ein Singsang, der Sharkans Härchen am Nacken aufstellte. Gefesselt von der Melodie sah er sich um.
Gaya stand mit ausgestreckten Armen hinter ihm und wiegte sich von links nach rechts. Ihre Augäpfel waren nach oben verdreht und die gespreizten Finger deuteten zum Fluss. Dicke Adern zeichneten sich unter der hellgrünen Haut an ihren Schläfen und am Hals ab. Der unbekannte Gesang kam eindeutig aus ihren geöffneten Lippen.
»Sharkan!«, rief Dura. »Sieh!« Die Herzogin zeigte aufgeregt zu der Stelle, an der Halor verschwunden war.
Das Schlimmste erwartend wandte sich Sharkan von Gaya ab. Bevor er den Blick auf den tosenden Strom senkte, atmete er tief durch. Ungläubig begann er den Kopf zu schütteln. Anstelle von Halors Kampf gegen die Fluten sah Sharkan ihn auf einer erstarrten Welle stehen, die sich zwischen den Ufern gebildet hatte. Er grunzte und sah genauer hin. Unter der Oberfläche brodelte der Fluss, sogar die weißen Kronen konnte der Herzog erkennen. Das Getöse hörte sich dumpfer an, als noch wenige Atemzüge zuvor, während das Lacca aus voller Kehle blökte und den bulligen Kopf auf und ab stieß.
»Ich bin so leicht wie eine Feder«, alberte Halor und trat so fest auf, dass das Wasser bis zu seinen Schultern spritzte.
Plötzlich bewegte sich der Wellenkamm an der gegenüberliegenden Uferseite und langsam, aber unaufhaltsam, löste sich der Stillstand auf.
»Hör sofort damit auf und komm zu uns herüber«, rief Sharkan. »Gaya kann nicht länger das Element beherrschen!«
Muhend stürmte Halor los. Sein Lacca folgte ihm und war gerade dabei, ihn zu überholen, doch der Hauptmann rettete sich mit einem beherzten Sprung ans Ufer. Im letzten Moment rollte er sich zur Seite und entging dadurch um Haaresbreite einem Huf. Geistesgegenwärtig ließ Halor den Riemen los und das Lacca preschte an ihm vorbei. Mit einer Geschwindigkeit, die Sharkan dem bulligen Tier nicht zugetraut hatte, preschte es in die spärlich mit Gras bewachsene Ebene hinaus.
Erleichternd muhend setzte sich Halor auf und ließ seine Beine über dem Ufervorsprung pendeln. Als sich Erdbrocken unter seinem Knie lösten, kroch er rückwärts und prallte gegen Sharkan. Halor überstreckte den Hals bis sich ihre Blicke trafen.
Der Herzog grunzte. »Mit dir ist jede Flussüberquerung ein Wagnis.«
»Jetzt kannst du deinem Welpen endlich etwas Aufregendes erzählen«, rechtfertigte sich Halor.
»Wenn Gaya nicht gewesen wäre …« Sharkan zeigte nach hinten, wo die Schamanin in dem Augenblick stöhnend zu Boden sackte und sich nach vorn beugte. Ihre Armmuskeln zitterten, als sie sich darauf stützte.
»Ist es mir gelungen?«, wollte sie mit brüchiger Stimme wissen.
»Ja, Halor ist nichts geschehen«, antwortete Dura. »Geht es dir gut?«
Gaya nickte. »Die Taubheit verschwindet gleich wieder.«
»Bis dahin werde ich mit Dura versuchen, das Lacca einzufangen«, sagte Sharkan.
»Ich komme mit.« Träge stand Halor auf. »Wenn es mich sieht, kommt es zu mir gelaufen.«
»Wie willst du in seine Nähe gelangen?«, fragte Dura. »Gayas Reittier kann dich nicht tragen.«
»Ich laufe.«
»Ohne dich sind wir schneller«, lehnte Sharkan den Vorschlag ab. »Ruhe dich aus und kümmere dich um Gaya.«
Bevor Halor einen Einwand aussprechen konnte, saßen Dura und Sharkan auf ihren Blazetons und jagten dem Lacca hinterher.