Gaur Waith

»Angol edra i Annon an Adoria.« Der Sand schoss in den Himmel und ein gewaltiger Strudel, der den Boden verschlang, entstand vor Fynth.
Lautstark fluchend wichen die in Orks verwandelten Dämonen zurück. Sie sammelten sich mit ihren Reittieren, deren Ruten durch die Luft peitschten, auf der Felsplatte des Portals und beobachteten gespannt die Magie.
Urullar stand neben Akka und streichelte den gepanzerten Hals. Die Naurmuig drehte den Kopf und leckte den Schweiß von seinem Unterarm. Seine Lippen verformten sich zu einem matten Schmunzeln, aber die Traurigkeit in den Augen blieb.
»Die Verabschiedung hätte Hesir gefallen.« Nida blickte zu Urullar auf und lächelte.
»Hmpf«, brummte er und küsste ihre Stirn.
»Es tut mir leid.« Sie drückte seine Hand. »Er war …«
»Ich will nicht darüber sprechen!«, unterbrach er Nida scharf. »Nicht jetzt.«
»Natürlich, ich verstehe.« Die ehemalige Drachin sah an Urullars Oberarm vorbei. »Wenn du mich suchst, ich bin bei Shandria.«
»Hmmm.« Entschuldigend kniff er in Nidas Kinn und schenkte ihr ein Lächeln. Das dieses nicht in seinen Augen ankam, ahnte Urullar aufgrund ihrer wehmütigen Miene, trotzdem hielt er sie nicht auf. Stattdessen schlenderte er mit Akka an seiner Seite zu Ellariana, die neben Fynth stand und darauf wartete, dass sich das Portal zur Elbenstadt formte. Flüsternd unterhielten sich die beiden. Als Urullar in Hörweite kam, verstummte das Gespräch. »Ist alles in Ordnung?«, fragte er, dabei musterte er zuerst die Elbin eindringlich, danach den Magier.
»Wir sprachen gerade darüber, wie wir euch dem König am besten vorstellen könnten«, sagte Ellariana.
»Na, mit unseren Namen.« Urullar sah sie verständnislos an und zuckte mit den Schultern.
Fynth lachte. »Er wird wissen wollen, ob ihr Orks seid.« Der Zeigefinger des Magiers deutete von der Fußspitze bis hinauf zu Urullars Nase. »Ihr seht diesem Volk äußerst ähnlich und bei eurem Anblick werden viele zur Waffe greifen – oder schreiend davonlaufen.«
»Wir können hier und jetzt getrennte Wege gehen.«
Ellariana schüttelte den Kopf. »Das Land südlich von Adoria ist spärlich bewohnt. Ihr solltet euch dort ansiedeln.«
»Um einen Stamm aufzubauen, benötigen wir Frauen«, überlegte Urullar.
»Arontas könnte euch in Elben verwandeln, dann …«
»Nein«, schnitt Urullar ihre Erwägung ab. »Wir haben uns an diesen Körper gewöhnt.«
»Lasst uns eine Entscheidung treffen, nachdem wir mit Druindar gesprochen haben«, empfahl Fynth.
Urullar massierte sich den verspannten Nacken. Nach anfänglichem Zögern willigte er mit einem Nicken ein.
Unbemerkt von allen war Arontas zu ihnen gestoßen. »Was ist eigentlich geschehen, als du mich geheilt hast?«
»Warum ist das jetzt so wichtig?«
»Es könnte mir helfen, Yssais Seelenerstarrung zu lösen.«
Ellariana legte ihre Hand auf Arontas’ Unterarm. »In Adoria finden wir einen Weg, deine Gefährtin aus der Benommenheit zu befreien.«
»Das ist das allerletzte Mal, dass wir Yssai in dieses unwürdige Geschöpf verwandeln.« Der Magiebeherrscher zischte. »Wenn wir das andere Portal durchschritten haben, verlange ich, dass wir uns zuerst um sie kümmern.«
»Natürlich«, beschwichtigte Ellariana. »Du hast mein Wort.«
»Wie lange wird es geöffnet sein?«, fragte Arontas.
»Darüber habe ich nie nachgedacht.« Fynth zuckte mit den Achseln und musterte mit zusammengekniffenen Augen Arontas’ Gesichtszüge, die langsam einen zufriedenen Ausdruck annahmen. »Wahrscheinlich bis der Letzte von uns durchgegangen ist.«
Das Rumoren an der steinigen Umfassung verstummte und die sämige Oberfläche verströmte weißes Licht auf dem Felsboden, der sich vor dem Portal gebildet hatte. »Wir sollten nicht noch länger hierbleiben. Lasst uns gehen«, entschied Ellariana und suchte hinter sich Asharel. Als sich ihre Blicke trafen, hob der Bogenschütze das Kinn und sein Gesicht verzog sich zu einer mürrischen, abweisenden Grimasse.
»Yssai wird sich wieder in eine Drachin verwandeln«, sagte Arontas und nahm Shandria das weiße Kaninchen ab.
»Soll ich oder willst du die Beschwörung erneuern?«
»Besser deine schwächere Magie legt sich erneut über sie.«
Fynths Mund klappte auf und die rechte Augenbraue hob sich, doch bevor er dazu kam, auf die unverhohlene Beleidigung zu reagieren, hob Urullar den Arm und rief: »Ihr habt es gehört, es geht weiter. Packt alles zusammen.«
Leise vor sich hinredend kraulte Fynth Yssais Kopf. Die flauschigen Ohren richteten sich kurz nach hinten. Das Fell blitzte dort auf, wo die Finger des Magiers darüber strichen. Fipsend starrte die verwandelte Drachin mit ihren weißen Knopfaugen zu Fynth hinauf. Ihr Stupsnäschen begann zu zucken und die Tasthaare wippten auf und ab. »Das sollte ausreichen«, sagte Fynth. »Diesen Magiepfad können wir auf den Reittieren zurücklegen. Hier verbergen sich keine Seelengeschöpfe in der Dunkelheit.«
Während Urullar sich auf Akkas Rücken schwang, fragte er: »Wer reitet voran?«
»Ellariana und Asharel.« Fynth stieß einen Pfiff aus, den Aiolos mit einem freudigen Wiehern beantwortete. Der schwarze Rovalroch kam auf ihn zugelaufen und blieb mit gespreizten Schwingen vor ihm stehen. Zärtlich streichelte der Magier über die bebenden Nüstern und befahl Aiolos mit einem sanften Klopfen gegen die linke Schulter, die Flügel zusammenzufalten. »Ich werde als Letzter gehen«, entschied Fynth. Schwungvoll zog er sich in den Sattel und blickte zurück. Die verwandelten Dämonen waren zum Aufbruch bereit. Shandria saß wieder vor Asharel und Urullar hielt gerade Nida die Hand entgegen. Seine traurigen Gesichtszüge hellten auf, kaum dass sein Arm sich um ihre Hüften legte.
Im äußersten Blickwinkel sah Fynth, dass Crius seinen Kopf schüttelte, als es sich Ellariana und Arontas auf seinem Rücken bequem gemacht hatten. Die durch die Sonne silbern schimmernde Mähne bewegte sich wellenartig. Der Leopolo setzte sich nach einem leisen Zungenschnalzen in Bewegung. Obwohl Crius halb durch die wellige Oberfläche geschritten war, schlug die Schweifspitze weiterhin aufgeregt seitwärts. Asharel folgte mit Shandria kurz auf.
Als es an Urullar war, durch das Portal zu reiten, stoppte er Akka wegen Fynths sorgenschwerem Gesicht und forderte die Kameraden mit einer Handbewegung auf, an ihm vorbeizureiten. »Was ist los?«
»Ich dachte«, Fynth drehte sich im Sattel zum Weltenportal, »dass das Magiegeflecht bebte.«
»Fühlst du es noch immer?«
Der Magier verneinte.
»Willst du nachsehen?«
Fynth seufzte und wischte mit der Hand durch die Luft. »Wahrscheinlich habe ich es mir nur eingebildet.«
»Wir sind alle übermüdet«, sagte Nida.
»Ein paar Sonnenwanderungen Rast werden uns guttun«, stimmte Fynth zu. »Lasst uns gehen und einen Krug Fion leeren.« Er wartete, bis Akka verschwunden war. Bevor die Oberfläche ihn verschluckte, sah Fynth zurück. Das Weltenportal nach Xandrian begann sich erneut zu bewegen. Zuerst kam nur die Schnauze eines Blazetons heraus, ihr folgten der Kopf, der massige Körper und der Reiter. Wie viele hinterherkamen, war ungewiss, da Aiolos in diesem Moment durch das Portal nach Adoria trat. Fynth sah sich der weißen Oberfläche gegenüber. »Orks!« Er knurrte. »Sie sind uns gefolgt!«

Frischer Wald- und Wiesengeruch lag in der Luft. Die Blätter raschelten und bewegten sich sachte an den Zweigen. Ein lauer Luftzug wehte Ellariana eine Haarsträhne in die Stirn. Sie blickte über die Schulter und sah, wie Arontas’ Augen am Lichtungsrand entlang huschten. Auf seinem Gesicht bildete sich ein Ausdruck der Verwunderung. Seine schwarzen, wohlgeformten Augenbrauen zogen sich über der Nase zusammen. »Die Königsstadt liegt hinter dem Wald«, beruhigte Ellariana ihn.
»Woher weißt du das?« Arontas streckte den Arm aus. »Ich sehe nichts außer Bäume.«
»Diese Laubbäume wachsen nur in dem Waldgebiet, das Adoria umgibt«, erklärte Fynth. Er zügelte Aiolos neben ihnen und setzte Yssai auf Arontas’ geöffnete Hand. »Willst du hier oder in Adoria ihre Seelenerstarrung brechen?«
»Versucht es jetzt«, mischte sich Asharel ein. »Stell dir vor, wir reiten durch die Straßen und sie verwandelt sich dort in eine Drachin.«
Arontas zischte und rutschte mit Yssai im Arm von Crius’ Rücken. Stumm blickte er auf das Kaninchen hinab. Seine Lippen kräuselten sich, jäh hob er die Schultern und schüttelte den Kopf. Mit leiser Stimme sagte er: »Mir fällt kein Wort der Magie ein, das ihren Seelenzustand verändern würde.«
»Bei deiner Heilung ist violetter Staub auf den schwarzen Stein in deiner Brust gerieselt«, erinnerte sich Fynth.
»Auf einen schwarzen Stein?« Arontas presste die linke Hand gegen seinen Brustkorb. »Du musst dich irren. Das hätte Zomrus nicht gewagt!«
»Die restlichen Knochen waren weiß.«
»Warum sind dann meine Gedanken noch klar?«
»Wahrscheinlich wollte er, dass du die Unterwerfung als Elb mit all deinen Sinnen durchlebst«, mutmaßte Ellariana.
Dunkles Fauchen strömte über Arontas’ Lippen. »Du denkst also, dass ich wieder Magie weben kann, weil sich violetter Staub auf den Stein gelegt hat?«
Voller Überzeugung begann Fynth zu nicken und entknotete die Schnur des Lederbeutels an seinem Gürtel. »Ein winziger Schnitt über ihrem Herzen sollte reichen.«
Ellariana sprang auf den Boden. »Ich werde sie halten.«
»Nein.« Arontas’ Kinn zuckte Richtung Fynth. »Sie kennt ihn und vertraut ihm.«
Schief lächelnd nahm der Magier das Kaninchen und legte es rücklings auf seinen Arm. »Senda«, sprach er das Magiewort für innere Seelenruhe aus. Mit dem linken Zeigefinger kraulte er das weiche Bauchfell. Yssai fiepte, ihr Maul öffnete sich und die scharfen Vorderzähne blitzten auf.
»Hier.« Ellariana reichte Arontas ihren Dolch.
Obwohl der Waffenmeister eine schlanke, äußerst filigrane Klinge geschmiedet hatte, sah die Spitze, die über Yssais Herz ruhte, viel zu wuchtig aus. Arontas’ Hand zitterte.
»So wie deine Finger schlottern, ist es vielleicht besser, wenn du sie zuerst in ein größeres Geschöpf verwandelst, bevor du den Brustkorb aufschneidest«, stichelte Asharel.
Zähnefletschend hob Arontas seinen Blick und sah sich Ellariana gegenüber.
Ermutigend lächelte sie ihn an und sagte: »Ein sanfter Druck mit der Dolchspitze genügt völlig.«
Tief durchatmend richtete Arontas seine Augen wieder auf Yssai. Die Dolchklinge senkte sich und seine Atmung kam ins Stocken. Das weiße Fell färbte sich rot. Blut breitete sich aus – zu schnell! – und der Dolch glitt ihm aus der Hand. Mit der Spitze voran blieb er im weichen Erdboden stecken. Yssais Tasthaare standen gerade vom Mäulchen ab.
»Beeil dich! Öffne den Schnitt mit Daumen und Zeigefinger«, befahl Fynth. »Greif in den Beutel und streue ein paar Sandkörner in die Wunde.«
Ellariana beugte sich vor. »Sieh, der schwarze Stein.«
»Das muss er sein«, vermutete Arontas und streute etwas von dem magischen Sand darauf.
Aus dem offenen Brustkorb funkelte violettes Licht. Yssai fiepte und ihre Läufe zuckten aufgeregt.
Arontas legte den Finger auf die Wunde. »Athe.« Die Blutung versiegte augenblicklich.
»Fynth, setze sie auf den Boden«, empfahl Ellariana.
Er kniete sich nieder. Das Kaninchen zitterte und die Ohren waren eng an den Körper angelegt. An der Körperhaltung erkannte man die Angst, die von Yssai Besitz genommen hatte. »Bald wird es dir besser gehen«, versprach Arontas mit voller Überzeugung in der Stimme. »Gaur Waith.«