Er soll bleiben

Der Donner rollte über die Einöde hinweg. Ragran zügelte seinen Naurmuig und blickte zum wolkenlosen Himmel hinauf. Seine rechte Augenbraue bewegte sich steil nach oben. Wohin sein Blick auch schweifte, es gab keine Anzeichen für eine Wetterverschlechterung, geschweige denn fallende Sterne, die das Grollen erklären würden. Dann entdeckte er einen dunkelroten Lichtschein. Die von Norden kommende Magie legte sich über das Land. Innerhalb von zwei Atemzügen hatte das Schimmern ihn und Seron erreicht.
Die Luft knisterte. Ragran hob den Kopf und atmete tief ein. Ein unbekannter Geruch kratzte ihm in der Kehle. Naserümpfend wandte er sich vom Wind ab und rieb mit Daumen und Zeigefinger die Nasenlöcher. Das Brennen im Hals nahm zu, breitete sich in der Brust aus und löste einen Krampf im Magen aus. Ragrans Kinn senkte sich und sein Atem strömte in kurzen Stößen über die angespannten Lippen. Die Umgebung verschwamm vor seinen Augen.
Gerade als er dachte, dass er den Schmerz nicht länger aushalten würde, ohne ein verdächtiges Geräusch von sich zu geben, verschwand das Ziehen im Körper. Der Luftstrom brachte den Duft von vertrocknetem Gras und ausgedörrtem Holz mit sich. Nichts wies mehr auf die Unregelmäßigkeit im Magiegeflecht hin.
Erneut lenkte Ragran seinen Blick nach Norden. Seron, der an seiner Rechten anhielt, sah er trotzdem. Der Streitmachtführer musterte ihn besorgt. Die quälende Frage, die er nicht auszusprechen wagte, zeichnete sich deutlich in den Gesichtszügen ab. Seit sie die Stelle, an der die Elbin entseelt worden war, verlassen hatten, hüllte sich Ragran in Schweigen. Seine Gedanken kreisten bis zu dem Magieereignis einzig um Dawius und wie sehr die Vergeltungsgier die nächsten Handlungen des Elben beeinflussen würden.
»Das Magiegeflecht zwischen den Welten bebte.« Ragran öffnete die Schwingen und die dünne Haut raschelte, gleich darauf schloss er sie wieder. »Ich muss mit dem sakralen Druiden sprechen.«
»Besteht Gefahr für Sonterian?«
»Nein.« Erbittert schüttelte Ragran den Kopf.
»Das Jagdlager ist nicht mehr weit, eine Rast würde uns guttun.« Seron zeigte zur Waldgrenze. »Womöglich ist Orellan aufgewacht.«
»Bei Sonnenaufgang brechen wir nach Naumundal auf.« Ragran griff nach Serons Hand und hauchte einen Kuss auf die Handinnenfläche. »Du solltest noch wissen, dass ich dir keine Schuld gebe.« Dann schnalzte er mit der Zunge und sein Naurmuig jagte mit großen Sprüngen dem Unterholz entgegen.

Blätter segelten durch den starken Wind, der durch den Wald strömte, an dem Regenten vorbei. Die Luft schmeckte nach Erde und Laub. Plötzlich färbte sich die Wolkendecke gelbrot. Vertrautes Brüllen, das bislang nur ein Geschöpf auf Sonterian ausgestoßen hatte, beseitigte alle Zweifel. »Zomrus ist zurückgekehrt«, rief Ragran über den Lärm hinweg. Die einen Atemzug zuvor an ihm nagenden Gedanken verblassten wie das Licht oberhalb der schwankenden Baumkronen.
»Hoffentlich hat er dieses Mal mehr zu bieten, als nur seine Überheblichkeit.«
Obwohl Seron ihn anlächelte, entdeckte Ragran den Neid, den der Drachenherrscher im Streitmachtführer schürte. Er kratzte sich mit seinem Zeigefingernagel den Kinnbart. »Die Magie, die ihn umgibt, ist betörend – regelrecht atemraubend.«
Seron knurrte. »Er ist kein Dämon.«
»Das stimmt so nicht«, widersprach Ragran. »Wenn er das Magiewort Gaur verwendet, wird er voll und ganz zu dem Geschöpf, in das er sich verwandelt.«
Seron schnappte nach Luft. »Falls sich ihm eine Dämonin hingibt, werden seine Nachfahren Dämonen sein?«
»So steht es in Sonterians Schriften.«
»Hattest du schon mit dem Gedanken gespielt …« Seron biss sich in die Wange. »Reizt er dein Verlangen?«
»Sehe ich da eine Sorgenfalte?« Ragran strich mit dem Daumen über Serons Stirn. »Ich will dich nicht anlügen. Zomrus strahlt etwas aus, das mich unumgänglich anzieht.«
Die Mundwinkel des Streitmachtführers bogen sich nach unten und er starrte Ragran traurig an.
»Lass uns nachsehen, ob Zomrus die Wächter in Aufruhr versetzte oder vielleicht einer seiner Untergebenen.«

»Macht Platz!«, befahl Seron. Sofort drängten die Dämonenkrieger zur Seite. Die Lücke im Halbkreis war breit genug, dass Ragran und der Streitmachtführer nebeneinander reiten konnten.
Lanari warf gerade ihren Umhang über den knienden Zomrus und half ihm beim Aufstehen. Mit großen Augen stand die Heilerin vor dem Drachenherrscher, der sich mit beiden Händen auf ihren Schultern abstützte. Das letzte Blatt schwebte in der Luft und landeten auf Zomrus’ Kopf. Voller Scheu wischte Lanari es fort. Daraufhin flüsterte er ihr etwas ins Ohr. Der Schatten eines Baumes verdunkelte ihr Gesicht, trotzdem waren die rötlichen Wangen für jeden leicht zu erkennen.
»Zomrus!« Ragran sprang von seinem Naurmuig. »Du bist früher zurück als erwartet.« Seine Augen ruhten auf den zwei Ledertaschen vor Zomrus’ Füßen.
»Ich musste meine Pläne ändern.« Zomrus zischte und griff nach den Beuteln. »Wir müssen reden.«
»Natürlich, doch zuvor lass uns speisen und trinken.«
Zomrus hob abweisend die Hand. »Nein. Erst sprechen wir.«
»Es muss sich etwas Schlimmes ereignet haben, wenn du kühles Fion ausschlägst. Folge mir.« Ragran ging auf das größte Zelt zu. Seitlich des Eingangs blieb er stehen und zeigte auf unzählige Polster, die in einem Kreis auf dem Boden lagen. »Setz dich. Ich bin gleich wieder da.«
Zomrus trat an ihm vorbei und stoppte abrupt. Die Lederbeutel glitten ihm aus der Hand. »Blut!« Er fauchte. »Es überdeckt sämtliche Gerüche.« Der tiefe Atemzug hob seine Brust. »Viel Blut, zu viel! Wer kämpft gegen sein Schicksal?«
Der Herrscher drehte sich so rasch um, dass es Ragran nicht schnell genug gelang, sein Entsetzen zu verbergen. »Mein Sohn.«
»Geh voran. Ich folge dir«, sagte Zomrus und deutete genau dahin, wo Orellan lag.
Für einen Moment suchte Ragran im Gesicht des Herrschers ein Anzeichen dafür, dass sein Sohn in Gefahr schwebte. Vergebens, stattdessen fand er einen Ausdruck, der so etwas Ähnliches wie Mitgefühl widerspiegelte.
Ragran schob das Tuch zurück. Das leise Rascheln erinnerte ihn an ein tosendes Lagerfeuer. Er trat an das Bett heran und seufzte innerlich. Orellan lag bis zu den Hüften unbedeckt auf dem Bauch. Die tiefe Schnittwunde, die quer über dem Rücken verlief, hatte sich rot gefärbt. An einigen Stellen war die Wunde aufgebrochen und getrockneter Eiter klebte an den Rändern.
»Die Verletzung ist schwer, aber sein Atem ist gleichmäßig.« Zomrus legte die Finger an Orellans Hals. »Warum hast du deinen Sohn nicht durch Magie geheilt?«
»Als ich endlich eintraf, war die natürliche Heilung bereits so weit fortgeschritten, dass Magie nicht mehr wirkte«, rechtfertigte sich Ragran.
»Sein Herz ist stark.« Zomrus trat zur Seite. »Dein Sohn wird leben.«
Die aufmunternden Worte bewirkten kein erleichterndes Lächeln, sondern veranlassten Ragran den Mund zu einer bitteren Grimasse zu verziehen. »Komm zurück zu mir«, flüsterte er in Orellans Ohr. »Wach auf, öffne deine Augen.« Liebevoll entwirrte er die dicke Haarsträhne, die sich um das rechte Horn gewickelt hatte. Zomrus’ Hand auf seiner Schulter bemerkte er erst, als dessen Finger leicht zudrückten. Noch versunken in der Sorge um seinen Sohn, blickte Ragran auf.
Durch Zomrus’ ausgestreckten Arm hatte sich der Umhang geöffnet und sein Körper kam zum Vorschein. Das warme Licht der Flammen, die in der Feuerschale loderten, betonten den wohlgestalteten Oberkörper mit der schwarz glänzenden Haut.
Ein verhaltenes Husten erklang vor dem Zelt. »Verzeiht, Speis und Trank werden gebracht.« Das Schrittgeräusch verstummte. »Regent wo seid Ihr?«, fragte Seron mit überraschter Stimme.
»Lass es auf den Tisch stellen«, wies Ragran an und trat, gefolgt von Zomrus, aus dem abgetrennten Bereich heraus.
»Hier!« Seron hielt dem Herrscher ein Bündel hin. »Falls Ihr Euren Leib bedecken möchtet.«
»Eigentlich fühle ich mich so ziemlich wohl.« Provozierend warf Zomrus eine Seite des Umhangs über seine Schulter.
Augenblicklich schob sich die Oberlippe des Streitmachtführers nach oben. Seine weißen Zähne blitzten – genau wie die zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen.
»Wenn du im Lager herumspazieren willst, ist es wirklich besser, dass du dich bekleidest«, sagte Ragran und stellte sich zwischen Seron und Zomrus.
Der Herrscher griff nach dem Kleidungsstück und schüttelte es aus. Raschelnd entfaltete es sich und verbarg Zomrus dahinter. Er musste die Arme weit ausbreiten, damit sich die Robe glättete. Ungehaltenes Fauchen übertönte das Knistern der Flammen.
Im selben Moment konnte Ragran den Lachanfall nicht mehr zurückhalten. Er stützte sich auf Serons Schulter auf. Im Gesicht des Streitmachtführers hingegen zuckte kein Muskel und er nahm eine überlegene Haltung an.
»Deine Angst vor mir ist größer, als ich erwartet habe.« Zomrus senkte die Arme. »Dieses hünenhafte Gewand würde mich nicht daran hindern, dir das Wichtigste zu nehmen.« Weiterhin den Blickkontakt mit dem Streitmachtführer haltend, löste Zomrus die Spange des Umhangs. Mit einem dumpfen Laut landete dieser auf den Boden. »Aber ich bin nicht gekommen, um mein körperliches Verlangen zu stillen, oder den Gefährten meines Verbündeten auf den Pfad des Windes zu schicken.« Zomrus zog sich die Robe über den Kopf. »Beruhigt es dich, dass nun die offensichtlich anziehende Dämonengestalt versteckt wird?«
Murrend griff Seron nach hinten. Seine Finger umschlossen den Polearmgriff und sogleich entzündeten sich orange Flammen auf der Klinge.
»Nimm deine Hand vom Polearm und verlasse sofort das Zelt!« Ragrans Arm flog nach oben. Kurz sah es danach aus, dass er Seron ins Gesicht schlagen wollte. Jedoch deutete Ragran mit einer gebieterischen Handbewegung ins Freie. Die ausgeprägten Falten auf der Stirn und die leicht geöffneten Schwingen reichten aus, dass Seron sich wie eingetretener Wildhund verbeugte und rückwärts zur Zeltöffnung stolperte.
»Nein, er bleibt!« Zomrus ließ sich auf einem der Polster nieder. Durch die Größe der Robe konnte er die Oberschenkel grätschen und die Füße überkreuzen. »Er soll uns Getränke und Speisen reichen.«

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