Die Jagd

Dumpfes Klicken erklang, als ein Dämon nach dem anderen das Geschoss in die Sehne der Armbrust spannte. Kaum lag der Pfeil in der Führung, richtete der Jäger den Blick wieder auf die grasende Bisonherde. Dawius schielte nach rechts zu Orellan, ohne dabei den Kopf zu bewegen. Der Thronfolger saß nach vorn geneigt und mit starrer Miene auf seinem Reittier, dessen oranges Glimmen unter der Panzerung erloschen war.
Durch das lange Warten stieg Dawius’ Ungeduld genau wie bei seinem Hengst an. Nyrirs rechter Huf schabte über den Erdboden. Beruhigend flüsterte Dawius ein paar Worte in die nach hinten gerichteten Ohren und streichelte den geschwungenen Hals. Der Hengst schnaubte und es hörte sich durch die Stille um ein Vielfaches lauter an, als es tatsächlich war.
Orellans Kopf ruckte in seine Richtung und der Gesichtsausdruck wechselte von einem belustigten zu einem vorwurfsvollen. Das heitere Aufblitzen in den Augen konnte er dagegen nicht verbergen.
Entschuldigend hob Dawius die Schultern, bevor er sich dem Zwitschern in der Ferne zuwandte. Kurz darauf kam das Zeichen für den Angriff von der rechten Truppe, gefolgt von Orellans Bestätigung. Zuletzt hörte er das Tschilpen von Serons Jagdgruppe.
Der linke Arm des Thronfolgers schnellte nach oben. Die Krieger auf den Naurmuigen und die mit den Armbrüsten machten sich bereit. Dawius’ Herzschlag beschleunigte und seine Finger krampften sich um den Polearmschaft. Er erhob sich im Sattel und lehnte den Körper so weit nach vorne, dass seine Schulter beinahe Nyrirs Hals berührte.
Kaum dass Orellan den Arm gesenkt hatte, entlud sich die aufgestaute Gespanntheit. Die Bolzen rauschten der Herde entgegen und zugleich stürzten die Reittiere aus dem Unterholz.
Laut schreiend, die Polearme in der Luft schwenkend, ritten die Krieger auf die aufgescheuchten Huftiere zu. Sie waren noch einige Schritte entfernt, als sich die Bisons in Bewegung setzten. Sand stob auf und hüllte die Herde in einen dichten Staubnebel. Schemen von ungeheurer Größe liefen an Dawius vorbei. Beeindruckt von den Bullen verringerte er Nyrirs Geschwindigkeit und vermied dadurch, dass die panischen Tiere ihn umzingelten und in ihrer Fluchtpanik mitrissen.
Ein Ruf lenkte Dawius’ Aufmerksamkeit von der Herde ab. Orellan preschte mit einem Seil in der Rechten und zwei Kriegern einem weißen Kalb hinterher. Das ängstliche Gebrüll des kleinen Bisons schallte über die Ebene. Vom Thronfolger unbemerkt blieb ein Bulle stehen, dessen mächtiger Kopf mit den armlangen, nach vorne gerichteten Hörnern sich in Richtung der Klageschreie drehte. Zornig scharrte der Koloss mit dem Vorderhuf und als der Alphabulle das Kalb am Rand entdeckte, setzte er sich in Bewegung.
Dawius schrie und winkte mit dem Polearm, doch es war aussichtslos, Orellan hatte ihm den Rücken zugewandt und befand sich außerhalb der Hörweite. Ohne einen weiteren Atemzug zu verschwenden, steckte er den Polearm in die Sattelhalterung, zog hart am Zügel und trat hitzig gegen Nyrirs Flanken. Den Lederriemen als Peitsche verwendend, schlug Dawius abwechselnd auf die rechte und linke Schulter. Die Laufgeschwindigkeit erhöhte sich und der Reitwind peitschte ihm die losen Haarsträhnen ins Gesicht, sodass die Tränen seitlich aus den Augen liefen.
Dawius blickte nach rechts und sah, wie der Bulle geradewegs auf Orellan zustürmte. Um ihn aufzuhalten, musste es ihm gelingen, vor den Bison zu kommen. Die verstärkten Schläge mit dem Riemen reichten aus, dass sich Nyrir eine Körperlänge vor den weitaus schwereren Bullen setzte. Doch die Muskelmasse war unaufhaltsam und ein Abdrängen unmöglich. Orellan, der neben dem gefangenen Kalb stand, war nicht ausreichend weit entfernt. Für eine Entscheidung blieben Dawius nur wenige Atemzüge.
Seine erste Überlegung, sich umzudrehen und den Polearm nach dem Bison zu schleudern, verwarf er wegen des unruhigen Laufs. Auch der Einfall, Nyrir gegen den Bullen zu treiben, überzeugte ihn nicht. Bei dem Bild des muskelbepackten Kolosses gestand er sich ein, dass dieser den Hengst einfach umrennen würde.
Noch drei Pferdelängen trennten ihn von Orellan und anstatt die Geschwindigkeit zu vermindern, trieb er Nyrir ein letztes Mal an. Zwei Pferdlängen. Dawius blickte nach hinten. Der Abstand zwischen dem Bullen und ihm war angewachsen. Eine Pferdelänge. »Orellan!«
Der Thronfolger drehte sich überrascht um.
Dawius lehnte sich nach links, streckte den Arm aus und umgriff Orellans Brustkorb. Dieser war sich der Gefahr bewusst und hielt sich am Sattelknauf fest. Dawius sah über seine Schulter, um den Abstand zum Bison einzuschätzen, da ertönte ein Knall, gefolgt von einem dumpfen Aufprall. Kurz erbebte die Erde, dann wirbelte Sand auf und verband sich mit der sich auflösenden Magie. Der Bulle lag bewegungslos an der Stelle, an der Orellan vor zwei Atemzügen gestanden hatte.
Nyrirs Laufgeschwindigkeit nahm ab und er trottete schnaubend und mit gesenktem Kopf zurück. Das hellbraune Fell war mit weißem Schaum überzogen und der schwere Herzschlag an Dawius’ Innenschenkel spürbar.
Dawius’ Oberarm zitterte durch die Anstrengung und deutlich hoben sich dicke Venen von der hellen Haut ab. Der Abstand zum Bisonbullen war eigentlich nicht groß, doch schon bald setzte ein brennender Schmerz in den Muskeln ein. Dennoch schaffte es Dawius, den Griff um Orellans Oberkörper erst zu lösen, als Nyrir vor dem am Boden liegenden Tier zum Stehen kam.
»Du hast mich vor dem Pfad des Feuers bewahrt.«
»Ich schwor, Euch davor zu beschützen«, schnaufte Dawius erschöpft und wischte sich mit dem Ärmel über die nasse Stirn.
»Bist du verletzt?«, erklang Ragrans aufgelöste Stimme. Er rutschte vom Rücken seines Naurmuigs und umarmte Orellan stürmisch. Dabei sah er zu Dawius hinauf und seine Lippen formten ein lautloses Danke.

Schmatzgeräusche und ausgelassenes Lachen breiteten sich im Saal aus. Der Geruch von gebratenem Fleisch lag in der Luft. Immer öfter riefen die Krieger spontane Trinksprüche aus, die durch den fortgeschrittenen Genuss von Fion stetig anrüchiger wurden. Einige wagten es sogar, Späße auf Kosten des Regenten zu machen, aber erst als Ragran lachte und demjenigen zuprostete, trauten sich Vereinzelte, mit einzustimmen.
Orellan gestikulierte tadelnd mit ausgestrecktem Zeigefinger vor Dawius’ Gesicht herum und sagte: »Beinahe hätte dein Reittier unsere Jagd zunichtegemacht.«
Dawius sah grinsend vom Fleischbrett auf. »Aber nur beinahe.«
»Du wirst zukünftig einen Naurmuig reiten.«
»Nein. Nyrir ist mein Gefährte, seit er ein Fohlen war«, widersetzte sich Dawius. Er lehnte sich gelassen zurück und stellte die Ellbogen auf die Armstützen.
»Du musst mir gehorchen«, befahl Orellan trotzig. Er setzte sich aufrecht und schlug mit der Faust so fest auf den Tisch, dass einige Krieger ihn erschrocken anblickten.
»Wen ich als Reitgefährten nehme, oder als Gefährtin im Schlafgemach, ist allein meine Entscheidung.«
»Das war vielleicht beim König der minderen Geschöpfe so, aber hier sage ICH, was du zu tun hast!«
Dawius spöttisches Lachen übertönte die Gespräche der Krieger. »Als ich mein Knie beugte, wurde ich kein Leibeigener von Euch«, sagte er mit tonloser Stimme.
»Jeder Bewohner auf Sonterian folgt den Befehlen des Regenten«, redete sich Orellan immer weiter in Rage. Die Furchen auf seiner Stirn wurden tiefer und die Augenbrauen zogen sich zusammen, sodass sie sich fast berührten.
»Dann sprechen wir über Eure Bitte, sobald Ihr Regent seid.«
Ein gedämpftes Prusten erklang hinter Orellan. Sein Gesicht war mittlerweile dunkelrot, als er sich ruckartig zur Seite bewegte und dabei die Zähne fletschte. Nicht nur Seron, sondern auch Ragran erwiderten erheitert seinen Blick. Das Knarren eines zurückgerückten Stuhls bewirkte, dass sich Orellan wieder Dawius zuwandte.
»Ich gehe, bevor ich etwas sage, was ich später bedaure.« Mit den Fingerspitzen der rechten Hand an der Stirn verabschiedete sich Dawius von Ragran und Seron. Danach verweilten seine kummervollen Augen mehrere Atemzüge auf dem ihn grimmig anstarrenden Orellan. Weil die Antwort des Thronfolgers nur aus einem Grunzen bestand, ging Dawius mit durchgestrecktem Rücken durch den Raum in Richtung Ausgang.
Die Augen aller Krieger waren auf Orellan gerichtet und ein leises Tuscheln setzte ein, als er sich schwerfällig erhob. Obwohl er sich mit beiden Handflächen auf der Tischplatte aufstützte, schwankte sein Oberkörper beträchtlich. »Ich habe dir nicht erlaubt, zu gehen!«, brüllte er wutentbrannt und einige der Krieger zogen die Köpfe ein.
Wenige Schritte vor der Tür verharrte Dawius in der Bewegung. Sein Körper nahm an Spannung zu und er schob deutlich sichtbar die Schultern nach hinten. Anstatt wieder zum Regententisch zu gehen, atmete Dawius tief ein und setzte seinen Weg fort. Ohne auf Orellans zornige Worte einzugehen, schloss er die Tür hinter sich.