Cannas le Barlog ad

Das Leder des Zelteingangs knirschte, silberne Sonnenstrahlen fluteten den abgedunkelten Bereich.
Brummend blickte der Dämonenregent von der Karte auf. Obwohl die Sonne hinter der Gestalt stand, erkannte er durch den Körperumriss, um wen es sich handelte. Sein Mund formte lautlos einen Namen. Er stützte sich mit gespreizten Fingern auf dem Tisch auf und starrte dem Streitmachtführer schweigend entgegen. Die Muskeln an seinen kantigen Wangen bewegten sich, als er auf die plötzliche Verlegenheit des Gegenübers aufmerksam wurde. Um ihn noch etwas mehr aus dem inneren Gleichgewicht zu bringen, spreizte er die Schwingen. Der flackernde Lichtschein der Feuerschalen, die an beiden Seiten hinter dem Tisch aufgestellt worden waren, schien durch die Häute zwischen den Flügelknochen.
Ein verhaltenes Hüsteln erklang. »Regent, Ragran, die Sonne steht über den Bäumen«, sagte der Streitmachtführer und zeigte durch den geöffneten Ausgang.
»Seron, so förmlich kenne ich dich gar nicht.« Aufgeregt winkend forderte Ragran ihn auf, näher zu kommen.
»Na ja, Ihr habt mir nicht gesagt, wie ich Euch ansprechen soll. Jetzt, wo Ihr Regent seid.« Das erste Wiedersehen nach langer Zeit führte dazu, dass Serons Knie weich wurden. Er stolperte und nur der schnelle Griff um die Tischkante verhinderte seinen Sturz.
»Wenn wir unter uns sind, musst du dem formellen Gehabe nicht folgen«, gestand Ragran ihm zu und legte die rechte Hand auf Serons Schulter.
»Du hast dich verändert«, stellte Seron fest, nachdem er das Gesicht des Regenten akribisch ergründet und ihm tief in die grellorangen Augen geblickt hatte.
Ragran lachte auf. »Ich hoffe, nicht zum Schlechteren.«
Der Streitmachtführer schüttelte den Kopf. »Ganz im Gegenteil, der dichte Vollbart steht dir gut. Du hättest ihn dir früher wachsen lassen sollen.«
»Ich habe schon mit den Gedanken gespielt, ihn wieder zu entfernen«, gab Ragran zu. »Für die Pflege und das Zurechtschneiden der Konturen benötige ich mehr Zeit, als für das Bekleiden des Oberkörpers wegen der Schwingen.«
»Mir gefallen der längere Kinnbart und die schulterlangen Haare.« Sanft strich Seron die wirre dunkelbraune Strähne, die Ragran ins Gesicht fiel, hinters spitze Ohr und streifte über den Bart an dem Wangenknochen. »Beides macht dich jünger.« Ein freches Grinsen umspielte seine Lippen, als er an dem knapp unter dem Kinn zusammengebundenen, fingerlangen Haarbüschel zog.
»Dann werde ich besser beides behalten.« Der Regent zwinkerte ihn zu. »Schau, ich denke, dieses Gebiet bringt den gewünschten Jagderfolg.« Etwas nach vorn gebeugt, fuhr er mit dem linken Zeigefinger einen nicht eingezeichneten Pfad entlang.
Serons rechtes Auge zuckte, als er die Karte betrachtete. »Dann können wir nur hoffen, dass spätestens dort der Schimmer in den Hörnern deines Naurmuigs verblasst.«
Ragran pustete freudlos aus. »Eigentlich verliert die Jagd dadurch ihren Nervenkitzel.«
»Wir hätten manch eine Beute übersehen ‒ nicht zu vergessen die Jäger ‒, wenn die Fähigkeit deines Reittieres nicht gewesen wäre.«
»Dann nehmen wir diesen Pfad«, entschied Ragran und kam dem Streitmachtführer näher, als er auf ein Stück Wald klopfte. Ragrans kühler Atem streifte Serons Wange, der daraufhin die Schulter bis hinauf ans Ohr zog und vorwurfsvoll seufzte. »Du warst lange fort.«
»Es ist eine Sache, zu einem Regenten benannt zu werden, und eine andere, zu lernen, einer zu sein.«
Ragran ächzte. »So schön wie die Schwingen sind, ich würde meinem niederträchtigsten Feind diese Schmerzen nicht zumuten wollen.«
Der Streitmachtführer beobachtete argwöhnisch die Zeltöffnung. »Darfst du eigentlich darüber sprechen?«
»Wer will mich daran hindern?«
»Der sakrale Dru…«, raunte Seron so leise, dass Ragran das letzte Wort nur teilweise hörte. Verständnislos blickte der Regent ihm ins Gesicht, bis er in Gedanken den Satz vervollständig hatte. Er begann verächtlich zu lachen. »Nicht der sakrale Druide hat sich meiner angenommen. Die Dämonenhexen quälten mich in den vergangenen neun Mondzyklen mit dem Erlernen von Magie ‒ viele Schattenzyklen lang.«
»Es heißt, dass diese Hexen eine unvergessliche Verschmelzung einleiten.«
Serons verschmitztes Zwinkern verleitete Ragran, ihm einen Kuss auf die Lippen zu hauchen. »Trotzdem gelang es ihnen nicht, meine Begierde nach dir zu stillen«, gestand er mit sehnsuchtsvoller Stimme.
»Ich dachte … jetzt, da …« Verlegen drehte Seron den Kopf so weit, bis seine Lippen Ragrans weichen Kieferbart berührten.
»Warum sollte ich etwas an meinen Vorlieben ändern? Es ist doch nichts Verwerfliches daran, den Genuss der Verschmelzung mit beiden Geschlechtern auszukosten.« Ragrans Hand umgriff bereits fordernd Serons Kinn, als ein Räuspern aus Richtung der Zeltöffnung seine Aufmerksamkeit einforderte. »Was ist?«
»Verzeiht, Regent ‒ Streitmachtführer, wie verlangt, stehen die Naurmuige bereit«, berichtete der Wächter und verließ augenblicklich das Zelt.
»Dann sollten wir unsere Reittiere nicht warten lassen «, entschied Ragran. Er verhakte gerade die Armbrust am Gürtel, als er sich ruckartig Seron zuwandte, dem es nicht schnell genug gelang, das bittere Lächeln zu überspielen. Tröstend kniff Ragran ihm ins Kinn. Bevor er das Zelt verließ, erinnerte er Seron: »Vergiss nicht, die Magie umwobenen Bolzen mitzunehmen. Vielleicht läuft uns etwas Größeres über den Weg.«

Die Baumstämme und hüfthohes Gebüsch flogen an den durch den Wald hetzenden Naurmuigen vorbei. Ihre Hinterpfoten setzten gleichzeitig auf dem harten Boden auf, kaum dass die Vorderpfoten nach vorn schnellten. Vereinzelt drangen Sonnenstrahlen durch das dichte Blätterdach und erzeugten auf den schwarzen Panzerungen der Naurmuige ein Schimmern, das an geschliffene Onyxe erinnerte. Das Kratzen der Platten, die am Halsende und der Schulter übereinanderlagen, war durch den rasanten Lauf lauter als das Knurren der Raubtiere.
Ragran lehnte sich nach vorne und betrachtete die orangerote Haut am Nacken seines Reittieres, die wie geschmolzenes Gestein glühte. Danach wanderte sein Blick am Hals entlang, bis zu den beiden orange leuchtenden Hörnern an der Stirnseite, die, seit sie das Lager verlassen hatten, mit einem schwachen Pulsieren vor sich hin glommen. Nur einmal verdunkelte sich die feurige Farbe. Doch wie es sich herausstellte, handelte es sich bei der aufgespürten Beute lediglich um ein kniehohes Wildtier ‒ zu klein und zu mager, um eine ganze Truppe zu sättigen.
»Von allen Jagdgebieten hast du eines gefunden, in dem die gepflückten Beeren von den Sträuchern unser einziger Fang sein werden.«
Der Regent begann seinen Kinnbart zu zwirbeln und tat so, als hätte er Serons Anspielung nicht gehört. »Ich wette, sobald du die Richtung angibst, stehen wir direkt an einer Felsklippe«, schnaubte Ragran und erinnerte den Streitmachtführer an den letzten von ihm geplanten Jagdausflug.
»Die Wette nehme ich an!« Ohne den Wetteinsatz geklärt zu haben, hielt Seron ihm den Arm entgegen.
Ragran schlug lachend ein. »Wenn der Sonnenuntergang einsetzt und wir kein einziges Mal umdrehen mussten, gestatte ich dir, dich diese Mondwanderung dem neuen Regenten von Sonterian hinzugeben.«
»Warte!« Seron zügelte sein Reittier. »Ist das jetzt der Gewinn oder die Bestrafung?«
»Das liegt im Auge des Betrachters.«
Kopfschüttelnd über Ragrans anzügliche Antwort zog Seron an der rechten Seite des Reitgeschirrs und veranlasste den Naurmuig durch einen Fersentritt, am Regenten vorbeizustürmen.

Der Wald lichtete sich und vor Ragran erstreckte sich die Landschaft der Einöde. In sich hineinlachend überlegte er, welche schneidenden Worte er Seron an den Kopf werfen konnte, weil sie völlig umsonst drei Schattenzyklen in östliche Richtung geritten waren. Bisher zumindest hatte sich die erhoffte Beute nicht sehen lassen. ur wenige Schritte lagen zwischen Ragrans Triumph und Serons Niederlage. Ob es nun ein Felsvorsprung oder das die Seele ins Feuer führende Trockengebiet war, spielte keine Rolle. Es würde ihnen nichts anderes übrigbleiben, als umzudrehen. Ein rascher Blick zum Himmel bestätigte Ragran, dass der Sonnenuntergang gerade erst eingesetzt hatte.
Sein Naurmuig hielt plötzlich in der Bewegung inne. Das Glühen der Hörner erlosch, zudem senkte sich sein Körper zu Boden. Fassungslos blickte der Regent zu Seron, der, bevor sein Reittier sich niedergeduckt hatte, abgesprungen war. Mit offenem Mund beobachtete Ragran die zitternden Tiere. Es war nicht das erste Mal, dass sie bei einem Jagdausflug einem größeren Raubtier in die Quere kamen. Aber noch nie hatte sein Naurmuig so auf eine Gefahr reagiert.
»Lass uns zum Waldrand schleichen«, flüsterte Ragran und nahm neben seinem Polearm auch die Armbrust mit. Die Bolzen steckte er durch die Schlaufe des Ledergürtels.
Seron tauchte an Ragrans Seite auf, bevor er das Unterholz erreicht hatte, und übergab ihm drei der mit Magie verstärkten Pfeile. Um die Kraft zu überprüfen, berührte Ragran die Spitze mit dem Zeigefinger. Er keuchte. Der Geruch von verbrannter Haut wehte in seine Nase. Zustimmend nickend steckte er die Geschosse zu den restlichen.
»Der sakrale Druide hat die Magie gewoben, kurz bevor ich aufgebrochen bin.« Seron berührte die goldenen Federn am Schaftende.
»Das erklärt die enorme Kraft.« Behutsam verschob Ragran die Zweige des Gebüsches, damit er den Grund des unerklärlichen Verhaltens der Reittiere sah. Seinen Oberkörper neigte er nach vorn. Dadurch gelang es ihm, die Umgebung zu überblicken. Nicht weit entfernt sah er eine Bisonherde. Brummend zog Ragran sich zurück und setzte sich auf den Waldboden. Mit seinem Kinnbart spielend wandte er sich den auf dem Boden liegenden Naurmuigen zu. Der orangerote Schimmer unter der Panzerung war schwächer geworden. Ein Knacken von Ästen durchbrach die Stille. Das Kauen der grasenden Bisons verstummte. Die Köpfe der Huftiere waren auf die Stelle gerichtet, an der Seron mit dem Gesicht nach unten lag. Als er sich schimpfend aufrichtete, stieß das Alpha einen Warnruf aus. Von einem Augenblick zum anderen war die Ruhe vorbei. Muhend setzte sich die Herde in Bewegung.
»Tja, wenn ich dich so sehe, würde ich auch davonlaufen.« Prustend wischte Ragran dem Streitmachtführer die Erde von der Stirn. »Wenigsten wissen wir, wo wir unsere Jagd fortsetzen.«
»Aber die Naurmuige sind doch nicht wegen der harmlosen Bisons verstört«, rief Seron und schaute der Staubwolke hinterher. Weil er keine Antwort erhielt, wendete er sich vom Ödland ab. Ein Laut ließ Seron in seiner Bewegung stocken.
»Runter!« In geduckter Haltung lief Ragran auf Seron zu. Zeitgleich mit dem näher kommenden Rauschen erklang der Kampfschrei einer Bestie. Staunend öffnete sich Ragrans Mund, wobei sich die Unterlippe nach vorn wölbte.
Zwei Geschöpfe tauchten auf, die es auf Sonterian nicht geben dürfte. Ein begehrliches Glitzern erschien in seinen weit aufgerissenen Augen. Obwohl er diese riesigen Raubtiere noch nie zuvor gejagt hatte, erwachte in Ragran das Verlangen, die Himmelsgeschöpfe aus der Luft zu holen. Die bekannten Handzeichen reichten aus, damit die erfahrenen Jagdgefährten wussten, was zu tun war. Mit der gespannten Armbrust traten sie durch das Unterholz. Die goldene Pfeilbefiederung schimmerte im Sonnenlicht. Dass die geflügelten Wesen sich der davonstürmenden Herde zugewandt hatten, half den Dämonen, sich unbemerkt zu nähern. Ragran streckte die Hand aus. Wie nach einer Verfolgungsjagd pochte sein Herz hart im Brustkorb, zugleich trocknete der Mund aus.
Seron legte die Armbrust an. Der Schaft drückte gegen die rechte Schulter. Sein Blick streifte über den gespannten Bolzen und folgte dem blauen Magiefeuer auf der Spitze. Mit der Hilfe des Laufes suchte er ein geeignetes Ziel, um zu vermeiden, dass die armdicken Geschosse an der glänzenden Schuppenpanzerung abprallten.
»Scht.« Ragran zeigte auf das braune Wesen, danach auf Seron und zum Schluss unter die Achsel.
Zustimmend nickte der Streitmachtführer. Seine von einem aufs andere Bein tretende Bewegung verriet, dass ihn die übliche Unruhe vor dem alles entscheidenden Schuss ergriffen hatte. Hörbar tief ein- und ausatmend wartete Seron auf das Angriffszeichen. Endlich hob Ragran die Hand. Drei seiner Finger waren ausgestreckt. Ohne auf Seron zu achten, senkte sich einer nach dem anderen. Als der dritte die Handfläche berührte, feuerten sie gleichzeitig die Geschosse ab. Das kleinere Himmelsgeschöpf brüllte auf und stürzte ab. Sie hatten keine Zeit, seinen Fall zu beobachten. Mit zitternden Händen spannten Ragran und Seron erneut die Armbrüste. Weil das schwarze Ungetüm noch immer flog, obwohl ein Bolzen schon tief in der Brust steckte, verzichteten sie auf ein weiteres Handzeichen. Durch die Aufregung schrammte Serons Geschoss lediglich den Körper, Ragrans hingegen durchschlug den Flügelansatz und blieb dort stecken. Es stand außer Frage, dass das zweite Aufbrüllen ihnen galt. Das Maul der Bestie öffnete sich. Rotes Feuer sammelte sich im Schlund. Die kräftigen Bewegungen der Schwingen erzeugten einen Windstoß, der die Blätter von den Bäumen fegte und den Sand der Einöde aufwirbelte. Das Ungetüm hatte sie mit zornigen Augen fixiert.
Seron sah den dritten Magiepfeil am Körper vorbeifliegen. »Das ist nicht gut.« Mit der Erkenntnis, dass eine Flucht keine Rettung sein würde und ihre Seelen kurz davorstanden, ins Feuer zu gehen, drehte sich Seron dem Regenten zu. Was er sah, ließ ihn rückwärts taumeln.
Ragran stand mit ausgebreiteten Schwingen der anfliegenden Bestie gegenüber. Die Luft begann zu knistern. Ragrans Finger hatten eine verkrampfte Haltung angenommen. Eine von Seron bislang nicht wahrgenommene Macht umgab den Regenten. Die Strahlen der untergehenden Sonne erschufen ein Glimmern auf den Häuten der Schwingen.
»Lanta.« Ragran streckte die Arme weit von sich. Ein Knurren erklang. Die einwirkende Magie zwang das Himmelsgeschöpf zu Boden. »Dartha.« Der Regent strich mit der rechten Hand über den Körper, ohne diesen zu berühren. Das Geschöpf kämpfte gegen die Magie an, die es unbeweglich machen sollte. Die Anstrengung war an seinen Adern und herausquellenden Augen zu erkennen. Furchtlos ging Ragran auf das Wesen zu und raunte: »Senda.« Seine Fingerspitzen berührten die Stirn des schwarzen Himmelsgeschöpfes und sofort hörte der gegen die Magie geführte Kampf auf.
»Was war das?« Seron lehnte sich mit zitternden Knien an einen Felsbrocken.
»Was meinst du?«
»Na, du und das Beherrschen von Magie!«
»Ah, das.« Ragran führte eine beiläufige Handbewegung aus. »Ich sagte dir doch, die Dämonenhexen haben ihr Bestes gegeben, mich zu einem furchteinflößenden Regenten zu machen«, erklärte er und schlenderte mit hinter dem Rücken verschränkten Händen um die Beute herum.
»Was meinst du, woher sie kommen?« Das zusammengekniffene Maul der Bestie nicht aus den Augen lassend, trat Seron näher.
»Eine andersartige Magie umgibt die Schwarze«, befand Ragran. »Sie müssen aus einer anderen Welt sein.«
»Die? Wie kommst du darauf, dass es sich hierbei«, Seron deutete mit dem ausgestreckten Daumen auf das ihn anfunkelnde Himmelsgeschöpf, »um eine weibliche Kreatur handelt?«
»Es gibt Tiere, da sind die Weibchen einfach größer.«
»Das ist mir jetzt eine Wette wert«, provozierte Seron und streckte die Hand aus.
Amüsiert schlug Ragran ein. »Soll ich dir helfen, oder willst du das Hinterbein selbst hochstemmen?«
»Hmm, ein wenig von deiner neuen Kraft wäre schon hilfreich«, keuchte Seron, nachdem er vergeblich versucht hatte, die Pranke zu heben.
»Leutha.« Mithilfe der Magie hob sich das rechte Hinterbein so weit an, bis der untere Teil des Bauches sichtbar wurde. Durch die veränderte Körperstellung war Seron dahinter nicht mehr zu sehen.
Ein bedrohliches Knurren brachte die Bestie zum Beben.
»Na ja … also …« Mehrfach verhaspelte sich Seron mit verblüffter Stimme.
Wegen Serons Äußerung neugierig geworden, trat Ragran näher. »Tja, eindeutig kein Weibchen«, kommentierte er den Anblick und schürzte seine Lippen. »Es scheint so, dass du nicht mehr die verlockendste Männlichkeit auf Sonterian besitzt.« Um dem Schlag auf den Oberarm zu entgehen, sprang Seron grinsend zurück. Ausgelassen lachend trat er an den Kopf der Kreatur heran. Die schwarzen Augen folgten jeder seiner Bewegungen. Mit aller Kraft die Angst unterdrückend, berührte Seron die Schuppen des Wesens. Aufkeuchend stellte er fest: »Die sind ja angenehm warm.« Weil er durch die Berührung keinen Schmerz erlitten hatte, tastete Seron weitere Stellen ab. »Kennst du ein Wort der Magie, das dieses Himmelsgeschöpf verkleinert?«, fragte er und kratzte sich mit der rechten Hand seinen Kehlkopf.
»Für was soll das gut sein?«
»Er würde einen hervorragenden Wärmekörper abgeben.« Der Stimmton deutete darauf hin, dass Seron ernsthaft die Möglichkeit in Erwägung zog.
»Ich glaube nicht, dass du ihn jemals so weit zähmen kannst, um bedenkenlos das Schlaflager mit ihm zu teilen.«
Die Bestie fauchte und dunkle Rauchwolken strömten aus den Nüstern.
»Wir schlagen das Nachtlager am Waldrand auf. Bringe schon mal die Reittiere dorthin«, wies Ragran an. Er wollte mit dem Geschöpf allein sein und trat erst näher heran, als Seron zwischen den Bäumen verschwunden war. Er neigte den Kopf zur Seite und erwiderte den Blick der Bestie. Das Wissen, dass die nächste Handlung böse für ihn ausgehen könnte, rief ein Zittern in den Händen hervor. Zähneknirschend schloss Ragran die Augen und legte die ausgespreizten Finger auf die Stirn des Geschöpfes.
»Ertha-nauth.« Das Gefühl, dass er aus dem eigenen Körper gerissen wurde, drückte seinen Brustkorb zusammen. Das Atmen fiel ihm bei jedem Herzschlag schwerer.
»Du wagst es, mir deine Seele zu offenbaren?«, hörte der Regent eine tiefe Stimme aus der Dunkelheit.
»Auf dieser Gedankenebene kannst du mir nichts anhaben«, konterte Ragran und drehte sich einmal im Kreis. Aber wegen der undurchdringlichen Finsternis war nichts zu erkennen.
»Was macht dich so sicher?« Ein Schimmer kam näher.
Ragran lachte kräftig. »Gerade eben konntest du auch nichts gegen mich ausrichten.«
Ein Knurren erklang hinter ihm und der Atem in seinem Nacken jagte ihm einen Schauer über den Rücken.
»Wohin hat mich das Portal gebracht?«
»Nach Sonterian. Der Welt der Dämonen«
, antwortete Ragran und stellte selbst eine Frage: »Woher kommst du?«
»Wir kamen aus Xandrian.«
»Was bist du?«
Ragran wandte sich dem Geschöpf zu, doch nur die Umrisse des sich über ihm befindenden Maules waren zu erkennen.
»Die Weltenerbauer nannten uns Drachen.« Die entblößten, triefenden Fangzähne senkten sich. Gleichzeitig bewegte sich die Kreatur nach vorn, sodass Ragran die funkelnden Augen sah.
»Warum stellst du nicht die alles entscheidende Frage?«, forderte der Drache mit verhöhnendem Ton.
»Wer bist du?«
»Meine Untertanen nennen mich Zomrus«
, donnerte er. »Ich bin der Herrscher von Xandrian.«
»Wenn das so ist, werden wir dieses Gespräch von Regent zu Herrscher auf meiner Welt fortsetzen.«
Ragran entfernte sich rückwärtsgehend von Zomrus und raunte: »Cannas le Barlog ad.«
Das unbekannte Wort der Magie ließ den Drachenherrscher vor Schmerzen aufbrüllen, bevor die Schwaden der Bewusstlosigkeit ihn einhüllten.